
Die letzte Einladung
Es begann mit Regen.
Nicht mit Sturm, nicht mit Donner, nicht mit irgendeinem jener dramatischen Zeichen, die Menschen im Nachhinein gerne erfinden, um dem Unbegreiflichen einen würdigen Auftakt zu geben. Es war nur Regen. Ein kalter, unermüdlicher Herbstregen, der die alten Fassaden der Stadt dunkel glänzen ließ und die Straßenlaternen in zitternde, goldene Flecken verwandelte.
Helena stand hinter dem Schanktisch der kleinen Weinbar, in der sie seit sieben Jahren arbeitete, und polierte Gläser, obwohl längst keine Gäste mehr da waren. Der Boden war gewischt, die Stühle standen auf den Tischen, und aus dem Radio hinter der Theke kam nur noch ein fernes Rauschen, weil der Empfang schlecht war, wenn das Wetter umschlug.
„Du gehst zu spät nach Hause“, hatte ihre Kollegin Nora am Nachmittag gesagt. „Irgendwann nimmt dich noch was mit.“
Helena hatte gelacht.
„Mich will nichts mehr mitnehmen.“
Es war einer dieser Sätze, die leicht gesagt sind, halb Scherz, halb Wahrheit. Helena war sechsunddreißig, lebte allein in einer Altbauwohnung am Rand der Innenstadt und hatte sich in den letzten Jahren an die Stille gewöhnt. Früher hatte sie sie gehasst. Nach der Trennung, nach dem leeren Kleiderschrank auf seiner Seite, nach den Wochen, in denen sie nachts das Atmen eines anderen vermisste, war die Stille ein Abgrund gewesen. Später war sie Ordnung geworden. Dann Gewohnheit. Nun war sie etwas, das sie trug wie einen Mantel, schwer, aber vertraut.
Als sie das Licht der Bar löschte und den Schlüssel drehte, stand auf der anderen Straßenseite ein Mann.
Er war ihr nicht sofort aufgefallen. Vielleicht, weil er sich kaum bewegte. Vielleicht, weil die Dunkelheit ihn schlanker machte, als er war. Vielleicht, weil sein Gesicht so still war, dass es nicht wie ein Gesicht wirkte, sondern wie eine Maske, aus Marmor geschnitten und im Regen vergessen.
Er trug keinen Schirm. Sein dunkler Mantel hing schwer von seinen Schultern, aber er wirkte nicht durchnässt. Das hätte Helena später seltsam finden können. In diesem Moment fand sie nur seltsam, dass er sie so direkt ansah, ohne verlegen wegzublicken, wie Menschen es normalerweise taten.
Sie blieb stehen, zog den Reißverschluss ihrer Jacke höher.
„Haben Sie ein Problem?“
Der Mann trat einen Schritt näher ins Licht. Er war groß, vielleicht Anfang vierzig, mit fast schwarzen Haaren, die an den Schläfen ein wenig heller wirkten. Sein Gesicht war schmal, die Wangenknochen markant, die Haut von einer Blässe, die nicht krank aussah, sondern unbewegt. Als hätte sie nie Hitze gekannt.
„Verzeihen Sie“, sagte er. Seine Stimme war tief, weich und ungewöhnlich ruhig. „Ich suche die Augustinergasse. Ich glaube, ich habe mich verlaufen.“
Helena musterte ihn. „Die ist zwei Straßen weiter. Sie sind in die falsche Richtung gegangen.“
„Das dachte ich mir.“ Ein kaum sichtbares Lächeln berührte seinen Mund. „Diese Stadt ist nachts anders als tagsüber.“
„Das sagen viele.“
Er sah an ihr vorbei in die dunkle Fensterscheibe der Bar, in der sie beide als blasse Spiegelungen standen. „Und doch bleibt sie einladend.“
Helena hätte gehen sollen. Sie wusste das. Es war spät, sie war müde, und fremde Männer, die nachts im Regen auf menschenleeren Straßen höflich nach dem Weg fragten, gehörten in genau die Art Geschichten, die schlecht endeten. Aber an ihm war nichts Drängendes. Nichts Lautes. Keine plumpe Freundlichkeit, kein aufgesetzter Charme. Er sprach, als hätte er alle Zeit der Welt.
„Sie sollten sich beeilen“, sagte sie. „In der Gegend macht alles früh zu.“
„Auch Sie?“
„Ich bin schon geschlossen.“
Er nickte langsam, als hätte sie ihm etwas Wichtigeres mitgeteilt, als sie beabsichtigt hatte.
„Dann will ich Sie nicht aufhalten.“
Er ging, lautloser als sie erwartet hätte. Helena blieb einen Moment stehen und sah ihm nach, bis er an der Ecke verschwand. Dann machte sie sich auf den Heimweg.
In dieser Nacht träumte sie von einer Tür.
Sie stand im Flur ihrer Wohnung, barfuß, und hinter der Wohnungstür pochte jemand. Nicht laut. Nicht ungeduldig. Es war ein sanftes, höfliches Klopfen, in gleichmäßigen Abständen, fast zärtlich. Sie wusste im Traum, dass sie nicht öffnen durfte. Gleichzeitig wusste sie, dass sie längst geöffnet hatte.
Als sie erwachte, war ihr Schlafzimmer kalt. Nicht Herbst-kalt. Nicht zugig. Eine andere Art von Kälte, die sich nicht auf der Haut niederschlägt, sondern zwischen den Rippen.
Im Badezimmerspiegel sah sie blasser aus als sonst.
In den Tagen danach begegnete sie ihm wieder.
Zuerst am Zeitungskiosk, wo er einige Meter entfernt unter dem Vordach stand und nichts kaufte. Dann am Uferweg entlang des Kanals, wo er auf das schwarze Wasser hinausblickte, als hätte er dort etwas verloren, das nur nachts sichtbar wurde. Einmal stand er vor der Kirche, kurz vor Mitternacht, und betrachtete die geschlossenen Türen mit einem Ausdruck, den Helena nicht deuten konnte: nicht Ehrfurcht, nicht Spott, eher Erinnerung.
Beim dritten Mal sprach er sie an.
„Sie haben mir den Weg gezeigt“, sagte er, als wäre dies eine alte Schuld, die er endlich begleichen konnte.
Helena hielt ihre Einkaufstasche etwas fester. „Und Sie haben ihn gefunden?“
„Schließlich ja.“
„Dann gratuliere ich.“
Wieder dieses schwache Lächeln. „Sie sind vorsichtig.“
„Ich bin nicht dumm.“
„Nein“, sagte er. „Das glaube ich auch nicht.“
Es war eine seltsame Antwort. Zu direkt. Zu ehrlich. Helena wollte weitergehen, doch etwas hielt sie fest. Vielleicht die Neugier. Vielleicht die Tatsache, dass seit Monaten niemand mehr mit einer Stimme zu ihr gesprochen hatte, die nicht beiläufig klang.
„Wie heißen Sie eigentlich?“
„Adrian.“
Er fragte nicht nach ihrem Namen. Sie merkte es und war überrascht, als sie ihn ihm trotzdem nannte.
„Helena.“
Er wiederholte ihn leise, nicht schmeichelnd, nicht genießerisch, eher prüfend, als müsse er herausfinden, wie das Wort im Mund liegt.
„Ein alter Name.“
„Das soll was heißen?“
„Nur, dass alte Namen oft länger leben als neue.“
Sie hätte darüber lachen können. Stattdessen fragte sie: „Sind Sie neu in der Stadt?“
„Gewissermaßen.“
„Das klingt nicht nach Ja.“
„Es ist näher an Ja als an Nein.“
Sie schüttelte den Kopf. „Sie reden absichtlich so?“
„Wie?“
„Als wüssten Sie mehr, als Sie sagen.“
Zum ersten Mal veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Kein echtes Erschrecken. Eher das fast unsichtbare Interesse eines Jägers, der bemerkt, dass die Beute nicht ganz blind ist.
„Tun das nicht alle?“
Es wurde ein Ritual.
Nicht täglich, aber oft genug, dass Helena begann, seine Gegenwart in ihren Wegen einzukalkulieren. Wenn sie abends die Bar verließ, suchte sie unwillkürlich die Straßenecken ab. Wenn sie im Supermarkt in der Schlange stand, wunderte sie sich, dass er nicht irgendwo hinter ihr auftauchte. Sie hätte es sich nicht eingestanden, aber sie wartete.
Adrian schien immer dort zu sein, wo das Licht schwach war. Im letzten Winkel eines Cafés. Unter einem Torbogen. An der steinernen Brüstung der alten Brücke. Nie tagsüber. Nie zwischen vielen Menschen. Immer mit dieser makellosen Ruhe, die sich nicht wie Gelassenheit anfühlte, sondern wie Distanz.
Er erzählte wenig von sich. Er stellte dafür Fragen, die Helena selten beantwortet bekam, weil kaum noch jemand sie stellte.
Ob sie sich in ihrer Wohnung sicher fühle.
Ob sie glaube, dass Einsamkeit freiwillig sein könne.
Ob sie manchmal nachts aufwache und einen Moment lang nicht wisse, in welchem Jahr sie lebe.
Einmal sagte sie: „Sie reden, als wäre Zeit für Sie etwas Persönliches.“
„Ist sie das für Sie nicht?“
„Nur an Geburtstagen.“
„Dann beneide ich Sie.“
Das Unbehagen kam schleichend.
Nicht wegen dessen, was er tat. Wegen dessen, was er nicht tat.
Helena sah ihn nie essen. Nie trinken. In der Weinbar war er eines Abends plötzlich da, kurz vor Schluss, und setzte sich in die hinterste Ecke. Sie brachte ihm ein Glas Rotwein. Er bedankte sich, berührte das Glas aber nicht. Als sie später abräumte, war der Wein unberührt, dunkel und still wie frisch vergossenes Blut.
„Hat er gar nichts getrunken?“ fragte Nora.
„Nein.“
„Creepy.“
Helena wollte widersprechen, doch das Wort blieb hängen, weil es zu nah an der Wahrheit lag.
In derselben Woche starb die alte Frau aus dem dritten Stock.
Frau Ebert war zweiundachtzig, schwerhörig, boshaft und hatte die Angewohnheit, jeden Hausbewohner so anzusehen, als wäre er ein persönlicher Angriff auf ihre Würde. Man fand sie morgens in ihrem Sessel. Laut Hausmeister friedlich eingeschlafen.
Helena stand mit den anderen Mietern im Flur, während der Rettungsdienst die Leiche hinaustrug. Das Treppenhaus roch nach Staub, nassem Wollmantel und etwas anderem. Etwas Metallischem. Kaltem.
Als die Trage an ihr vorbeigeschoben wurde, sah Helena für einen Sekundenbruchteil das Gesicht der Toten.
Zu bleich. Zu leer.
Sie wusste nicht, woran sie dachte, bevor der Gedanke vollständig wurde. Vielleicht war es besser so.
Am Abend stand Adrian wieder am Kanal.
„In meinem Haus ist jemand gestorben“, sagte Helena ohne Einleitung.
„Ja“, sagte er.
Sie blickte scharf zu ihm hinüber. „Woher wissen Sie das?“
„Die Stadt spricht.“
„Sie sprechen in Rätseln.“
„Und Sie hören trotzdem zu.“
Der Wind strich über das Wasser. Irgendwo klirrte eine lockere Metallkette gegen einen Mast. Helena verschränkte die Arme.
„Ich glaube, mit Ihnen stimmt etwas nicht.“
„Mit mir stimmt sehr vieles nicht“, sagte er ruhig. „Die Frage ist nur, was davon Sie meinen.“
Sie hätte gehen sollen. Stattdessen blieb sie.
„Wer sind Sie?“
Er sah sie lange an. Zu lange. Nicht, weil er zögerte. Eher, weil er entschied, wie viel Wahrheit ein Mensch aushält, bevor er davon beschädigt wird.
„Jemand, der schon sehr lange allein ist.“
Helena lachte kurz, ohne Humor. „Das ist jetzt entweder die traurigste Anmache der Welt oder eine Drohung.“
„Vielleicht beides.“
Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Nicht vor Furcht allein. Das machte es schlimmer.
„Sie machen mir Angst.“
„Noch nicht genug.“
In der Nacht begann das Klopfen.
Es kam nicht aus ihrem Traum. Es kam von ihrer Tür.
Helena saß im Bett, augenblicklich wach. Das Schlafzimmer war dunkel, nur der Schein der Straßenlaterne lag fahl auf dem Boden. Sie hielt den Atem an.
Klopf.
Drei sanfte Schläge.
Dann Stille.
Sie schwang die Beine aus dem Bett, ging in den Flur und blieb vor der Wohnungstür stehen. Durch den Spion sah sie nur den gelblichen Hausflur. Leer.
Sie legte die Hand auf den Türgriff.
Nichts.
Am Morgen fand sie auf der Fußmatte eine einzelne, dunkle Rose. Fast schwarz. Kein Tau darauf. Keine Karte.
Sie warf sie weg.
Am Abend lag eine zweite dort.
Die dritte hob sie auf.
Sie sagte sich, sie wolle wissen, ob jemand sie beobachtete. Ob es ein Nachbar war. Ein schlechter Scherz. Irgendein verstörter Verehrer. Sie stellte die Rose in ein Wasserglas auf den Küchentisch und versuchte nicht daran zu denken, dass die Blütenblätter nicht welkten.
Drei Nächte später sah sie Adrian vor dem Haus.
Er stand unten auf dem Gehweg, reglos, den Blick zu ihrem Fenster gehoben. Nicht im Schutz des Hauseingangs, nicht vor der Tür. Draußen. Als dürfte oder wolle er nicht näher kommen.
Helena öffnete das Fenster.
„Sind Sie verrückt?“
Er hob leicht den Kopf. Sein Gesicht war bleich im Lichtschein, schöner und fremder als je zuvor.
„Möglicherweise.“
„Wieso stehen Sie da?“
„Weil ich wissen wollte, ob Sie schlafen.“
„Normalerweise schon. Menschen machen das.“
„Ja“, sagte er. „Menschen.“
Etwas in der Art, wie er das Wort aussprach, ließ ihre Nackenhaare aufstehen.
„Gehen Sie.“
„Wenn Sie das wollen.“
„Ich will vor allem wissen, was das soll.“
„Dann lassen Sie mich hinauf.“
Die Antwort kam zu schnell. Aus Trotz vielleicht. Oder aus jener müden Neugier, die vernünftige Frauen in unvernünftige Situationen führt.
„Kommen Sie hoch.“
In dem Moment, in dem die Worte ihren Mund verließen, bereute Helena sie.
Adrian rührte sich nicht sofort. Nur sein Blick veränderte sich. Eine kaum wahrnehmbare Spannung ging durch sein Gesicht, als hätte sich eine Tür geöffnet, die lange verschlossen gewesen war.
Dann trat er ins Haus.
Helena wartete an der Wohnungstür, während seine Schritte das Treppenhaus hinaufkamen. Sie waren so leise, dass sie fast nur das Echo hörte. Als sie ihm öffnete, stand er dicht vor ihr. Zu dicht. Der Flur hinter ihm wirkte plötzlich tiefer, dunkler, als hätte das Haus selbst Luft angehalten.
„Sie hätten das nicht tun sollen“, sagte sie.
„Nein“, antwortete er. „Wahrscheinlich nicht.“
Er trat über die Schwelle.
Sofort war die Wohnung kälter.
Es war kein Windzug, kein offenes Fenster. Die Temperatur sank, als hätte jemand die Räume mit unsichtbarem Wasser gefüllt. Helena spürte es an ihren Händen, an den Zähnen, am hinteren Rand ihrer Gedanken.
Adrian sah sich langsam um. Wohnzimmer, Bücherregal, halb vertrocknete Zimmerpflanze am Fenster, der schmale Flur, die offene Küchentür. Sein Blick ruhte nirgends lange, und doch hatte Helena den Eindruck, dass er alles auf einmal wahrnahm.
„Sie leben wirklich allein“, sagte er.
„Was haben Sie erwartet?“
„Ich hoffte, mich zu irren.“
Helena trat einen Schritt zurück. „Sie machen das schon wieder.“
„Was?“
„So reden, als wären Sie nicht normal.“
„Das bin ich nicht.“
Er sagte es ohne Dramatik. Ohne Pathos. Wie eine Wetterangabe.
Helena lachte nervös. „Aha. Und was dann?“
Adrian sah sie an. In seinen Augen war etwas, das sie vorher nur geahnt hatte. Keine Wärme. Kein Leben im menschlichen Sinn. Eher Tiefe. Eine alte, unermessliche Dunkelheit, in der sich etwas Geduldiges bewegte.
„Sie kennen die Antwort längst“, sagte er.
Der Raum wurde noch stiller. Selbst der Kühlschrank in der Küche schien aufgehört zu summen.
„Das ist lächerlich“, flüsterte Helena. „So etwas gibt es nicht.“
„Und doch habe ich gewartet, bis Sie mich hereinbitten.“
Sie spürte plötzlich jeden Schlag ihres Herzens. Jeder einzelne schien hörbar.
„Raus“, sagte sie.
Adrian blieb stehen. „Zu spät.“
„Raus!“
Da lächelte er. Zum ersten Mal wirklich.
Und Helena sah seine Zähne.
Sie waren nicht grotesk verlängert, nicht tierhaft. Das wäre fast beruhigender gewesen. Nein – sie waren makellos, weiß, präzise. Und die Eckzähne ein wenig zu lang. Nur gerade genug, um zu zeigen, dass sein Mund nicht für Küsse gemacht war.
Helena wich zurück, bis ihre Schultern gegen die Wand des Flurs stießen.
„Bitte“, sagte sie, und hasste sich in demselben Augenblick dafür.
Adrian trat näher. Nicht hastig. Nie hastig.
„Ich habe sehr lange niemanden gebeten“, sagte er. „Und noch länger niemanden gewarnt.“
„Gewarnt?“
„Vor mir.“
Er hob eine Hand und strich ihr mit zwei kalten Fingern eine Strähne aus dem Gesicht. Die Berührung war so eisig, dass sie beinahe brannte.
„Warum ich?“
Seine Augen ruhten auf ihr, und für einen Moment lag darin etwas, das schrecklich nah an Trauer war.
„Weil Sie die Tür geöffnet haben.“
Dann bewegte er sich schneller, als das Auge folgen konnte.
Nicht wie ein Mensch. Nicht einmal wie ein Tier. Es war eher, als verschlucke die Dunkelheit zwischen zwei Atemzügen den Raum und spucke ihn neu aus. Eben noch stand er vor ihr, im nächsten Moment war er hinter ihr, und seine Hand lag auf ihrem Mund. Die andere umfasste ihr Handgelenk mit einer Kraft, die jede Bewegung bedeutungslos machte.
Helena schrie in seine Handfläche. Es war nur ein dumpfer Laut.
„Still“, flüsterte er an ihrem Ohr. „Sie wecken niemanden. Aber Sie machen es sich schwerer.“
Sie trat nach ihm, schlug um sich, krallte die Nägel in seine Haut. Sie spürte Stoff, dann darunter etwas Hartes, Kaltes. Nicht Muskeln. Nicht Wärme. Als bestünde er aus dichter Nacht und altem Stein.
Er drückte sie gegen die Wand. Nicht grob. Sicher. Unausweichlich.
„Bitte nicht“, keuchte sie, als er seine Hand kurz von ihrem Mund nahm.
„Ich habe mir das sehr oft gesagt“, antwortete er.
Dann senkte er den Kopf an ihren Hals.
Der erste Schmerz war hell, scharf und so plötzlich, dass ihr Körper ihn nicht verstand. Danach kam etwas anderes. Ein Ziehen. Nicht nur im Fleisch. Tiefer. Als würde etwas in ihr geöffnet und mit grausamer Zärtlichkeit geleert.
Helena spürte, wie ihre Knie weich wurden. Wie die Wohnung um sie herum weiter wegrückte. Wie das Ticken der Wanduhr im Wohnzimmer unerträglich laut und dann unendlich fern wurde.
Er trank.
Es gab kein besseres Wort dafür.
Nicht hastig. Nicht gierig. Mit einer Konzentration, die schändlicher war als jede Raserei. Als wäre sie ein lang ersehntes Mahl. Als hätte er Jahrhunderte der Leere mitgebracht und sie nun Schicht für Schicht in ihren Körper senkte.
Helena tastete blind nach Halt. Ihre Finger trafen den Türrahmen, rutschten darüber, fanden nichts. Ihre Sicht verschwamm. Das Zimmer verlor Kanten. Alles wurde weich und dunkel.
Dann ließ Adrian plötzlich von ihr ab.
Sie sackte zu Boden, halb an der Wand, halb in sich selbst zusammen. Die Hand an ihrem Hals kam rot zurück. Nicht viel Blut. Weniger, als sie erwartet hätte. Das war fast schlimmer.
Adrian stand über ihr und sah aus, als hätte der Tod selbst einen Augenblick lang Erleichterung gespürt. Farbe lag schwach auf seinen Lippen. Seine Augen glänzten dunkler.
„Warum?“ flüsterte Helena.
Er kniete sich vor sie. „Weil Hunger jede Sprache am Ende ersetzt.“
Sie versuchte, sich von ihm wegzuziehen. Er fasste sanft ihr Kinn. Zu sanft.
„Hören Sie mir zu“, sagte er. „Sie können noch sterben. Ganz. Jetzt. Wenn ich gehe.“
Helena sah ihn an, unfähig, seine Worte zu begreifen.
„Oder?“
Etwas in seinem Gesicht wurde leer.
„Oder Sie lassen mich Sie retten.“
Sie lachte auf, ein gebrochenes, kleines Geräusch. „Retten?“
„Vor dem, was ich begonnen habe.“
Da begriff sie. Nicht ganz, nicht in allen Einzelheiten. Aber genug.
„Nein“, flüsterte sie.
Adrian neigte den Kopf. „Das sagen fast alle.“
Er biss sich in das eigene Handgelenk.
Das Blut, das hervortrat, war dunkler, als Blut sein durfte. Fast schwarz im Halbdunkel, zäh und glänzend. Ein Geruch ging davon aus, alt und süß und verdorben wie Wein aus einem Grab.
Helena drehte den Kopf weg, doch er packte ihr Haar, nicht brutal, nur unnachgiebig, und zwang sie, hinzusehen.
„Trinken Sie.“
„Nein.“
„Dann sterben Sie.“
„Dann—“
Sie brachte den Satz nicht zu Ende, weil er ihr das Handgelenk gegen den Mund drückte.
Der Geschmack war Entweihung.
Kalt, schwer, metallisch, und darunter etwas, das sie sofort hasste, weil ihr Körper es erkannte, bevor ihr Verstand es verwerfen konnte. Es war Macht. Alter. Nacht. Es war der Geschmack einer Tür, die sich nicht wieder schließen lässt.
Sie spuckte, würgte, wandte sich ab. Ein Teil der dunklen Flüssigkeit lief ihr über das Kinn. Aber ein Schluck war längst in ihrer Kehle verschwunden.
Adrian ließ sie los.
Für einen Moment geschah gar nichts.
Dann begann ihr Körper zu brennen.
Nicht heiß. Umgekehrt. Eine Kälte, so intensiv, dass sie sich wie Feuer anfühlte. Sie breitete sich vom Hals und von der Kehle aus, kroch durch Brust und Bauch, in Arme, Beine, Fingerspitzen. Helena krümmte sich auf dem Boden, rang nach Luft, bekam keine, weil ihr Körper plötzlich vergessen hatte, wie Atmen funktioniert.
Sie dachte, sie würde sterben.
Dann dachte sie, sie wäre es längst.
Die Nacht dehnte sich.
Irgendwann lag sie auf dem Wohnzimmerboden. Irgendwann stand Adrian am Fenster. Irgendwann dämmerte graues Morgenlicht durch die Vorhänge, und in dem Moment, in dem der erste echte Streifen Sonne über die gegenüberliegenden Dächer fiel, zuckte Adrian zurück, als hätte man ihn geschlagen.
Er trat aus dem Licht. Sein Gesicht war wieder still geworden.
Helena hob den Kopf. Jede Bewegung war falsch. Zu leicht und zu schwer zugleich. Ihr Mund war trocken. Ihr Herz—
Sie wartete auf den nächsten Schlag.
Es kam keiner.
Die Erkenntnis traf sie so hart, dass sie würgte.
„Was haben Sie mit mir gemacht?“
Adrian drehte sich zu ihr um. „Etwas Unverzeihliches.“
„Bringen Sie es zurück.“
„Das kann ich nicht.“
Sie stemmte sich auf die Ellenbogen. Ihre Sinne waren plötzlich messerscharf. Sie hörte Wasserleitungen im Mauerwerk, das Summen elektrischer Leitungen in der Wand, irgendwo im Treppenhaus eine Frau husten, zwei Stockwerke tiefer. Und darunter noch etwas. Das langsame, warme Pochen eines Herzens.
Nicht ihres.
Das des Nachbarn.
Der Hunger kam sofort.
Helena presste beide Hände auf den Mund. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, obwohl sie nicht sicher war, ob sie noch weinen konnte.
„Nein“, flüsterte sie.
Adrian kam nicht näher. „Es wird schlimmer, bevor es besser wird.“
„Besser?“ Sie starrte ihn an. „Es gibt kein Besser.“
„Für Menschen nicht.“
Die Tage danach verschwammen zu einem Albtraum ohne Schlaf.
Adrian blieb. Nicht ständig sichtbar, aber immer in der Wohnung, in den dunklen Ecken, hinter Türen, im Flur, wo kein Spiegel ihn ganz richtig fasste. Er brachte ihr Beutel aus der Blutbank. Helena fragte nicht, wie er daran kam. Das gelagerte Blut half kaum. Es stillte den Schmerz, nicht den Hunger. Es schmeckte tot.
Sie konnte am Tag die Vorhänge nicht mehr öffnen. Sie brauchte keinen Atem. Spiegel zeigten ihr Gesicht, aber etwas daran war verschoben, als hätte ihr Abbild den Glauben an sie verloren. Ihr Körper war schön geworden auf eine grausame Weise – die Haut glatt, die Augen zu klar, die Bewegungen zu leicht. Alles Menschliche an ihr wirkte wie eine Erinnerung, die sich Mühe gab, nicht zu verschwinden.
Einmal sagte sie: „Du hättest mich töten sollen.“
Adrian stand am anderen Ende des Zimmers, reglos wie eine Statue.
„Ja.“
„Warum hast du es nicht getan?“
Lange schwieg er.
Dann sagte er: „Weil ich müde war, der Einzige zu sein, der sich erinnert.“
Das war der Moment, in dem Helena ihn hasste.
Nicht wegen des Bisses. Nicht wegen der Verwandlung. Sondern wegen dieser Antwort. Wegen der unerträglichen Egozentrik darin. Weil ihr Schicksal für ihn Gesellschaft bedeutete. Weil ihr Tod, ihre Seele, ihre Zukunft für ihn nur das Gewicht seiner eigenen Ewigkeit auf zwei Schultern verteilte.
Sie versuchte in der folgenden Nacht, ihn zu töten.
Ein Küchenmesser. Lächerlich. Sie wusste es selbst. Doch als er reglos am Fenster stand und die Stadt beobachtete, stieß sie ihm die Klinge mit aller Kraft zwischen die Rippen.
Das Messer drang ein.
Adrian sah überrascht auf den Griff in seiner Brust hinab.
Dann hob er langsam den Blick zu ihr.
Kein Schmerz. Kein Blut. Nur eine fast menschliche Müdigkeit.
„Fühlst du dich besser?“
Helena riss das Messer zurück. Schwarzes Blut tropfte auf den Boden, dick und glänzend. Es roch süß und faul zugleich. Die Wunde schloss sich vor ihren Augen.
Sie begann zu schreien. Nicht vor Angst. Vor Ausweglosigkeit.
Adrian ließ sie schreien.
Wochen vergingen.
Oder Monate. Zeit verlor ihre Form.
Helena lernte, nur nachts hinauszugehen. Sie lernte, die Straßenseiten mit Schatten zu lesen. Sie lernte, wie schnell ein Mensch still wird, wenn eine kalte Hand ihm den Mund verschließt. Zuerst riss sie sich von jedem Angriff los, floh halb wahnsinnig vor dem, was in ihr tobte. Doch Hunger ist geduldig, und Moral ist ein dünnes Tuch gegen Zähne.
Der erste Mensch, den sie tötete, war ein Mann, der sie in einer Seitenstraße ansprach und ihr ungefragt folgte.
Es hätte eine Genugtuung sein können. Eine bittere, dunkle Gerechtigkeit. War es nicht.
Sie hörte sein Herz, bevor sie seine Worte verstand. Sie roch das Blut in ihm wie heißen Wein. Als er ihren Arm fasste, sah sie nicht sein Gesicht, nur die pulsierende Ader an seinem Hals.
Danach saß sie stundenlang in einer Kirche auf der Empore, weit genug vom ersten Morgenlicht entfernt, und starrte auf ihre blutigen Hände, bis das Holz unter ihr zu knacken begann.
„Du gewöhnst dich daran“, sagte Adrian später.
Helena sah ihn an, als würde sie ihn gern in Stücke reißen.
„Das ist das Schlimmste, was du je gesagt hast.“
Er nickte. „Ich weiß.“
Der Winter kam.
Mit ihm wurden die Nächte länger, und etwas an Helena veränderte sich endgültig. Der Schmerz ihrer Verwandlung verschwand. Ihre Sinne wurden noch feiner. Der Hunger blieb, aber er war kein Feuer mehr. Eher eine Stimme. Eine ruhige, vernünftige Stimme, die sie an alles erinnerte, was warm war und sterblich.
Sie und Adrian verließen die Stadt schließlich.
Zu viele Vermisstenmeldungen. Zu viele Blicke. Zu viele Nächte, in denen Helena in Fensterscheiben ihr eigenes Gesicht neben seinem sah und erkannte, dass Menschen auf Distanz instinktiv Platz machten, wenn sie vorbeigingen.
Sie reisten von Ort zu Ort. Alte Hotels. Verlassene Herrenhäuser. Mietwohnungen mit schweren Vorhängen und Kellern, in denen niemand Fragen stellte. Adrian zeigte ihr, wie man überlebt. Wie man Spuren löscht. Wie man unter Menschen geht, ohne je wieder einer von ihnen zu sein.
Er sprach selten von seiner Vergangenheit. Doch manchmal, kurz vor Morgengrauen, wenn die Welt am dünnsten war, erzählte er Bruchstücke.
Von Wien im Jahr 1873. Von einem Lazarett, in dem der Tod so dicht in den Gängen stand, dass man ihn schmecken konnte. Von einer Frau mit schwarzen Handschuhen, die ihn küsste, bevor sie ihn aufschlitzte. Von Jahrzehnten, in denen er sich in Burgen, Hotels, Schiffskabinen und Kriegsruinen verbarg. Von Liebenden, die er verließ, bevor sie begriffen, dass Liebe gegen die Zeit nicht gewinnt.
„Und jetzt?“ fragte Helena einmal.
„Jetzt erinnere ich mich daran, dass ich einmal gehofft habe.“
„Auf was?“
Er sah sie an.
„Dass du mich irgendwann verstehst.“
Helena trat ans Fenster, hinter dem die Nacht wie nasses Samt hing.
„Das werde ich nie.“
„Vielleicht nicht.“
Sie drehte sich zu ihm um. „Aber ich bleibe.“
Zum ersten Mal seit ihrer Verwandlung schien ihn das zu verletzen.
Jahre später kehrte Helena allein in ihre alte Stadt zurück.
Die Weinbar gab es nicht mehr. Ein Feinkostladen war jetzt darin, geschniegelt, hell, ohne jede Erinnerung an verschütteten Merlot, müde Gespräche nach Mitternacht und das klebrige Summen der Kühlschrankmotoren. Ihr altes Haus stand noch. Das Treppenhaus roch genauso. Staub. Stein. Wintermäntel.
Eine junge Frau kam ihr auf der Treppe entgegen, Anfang dreißig, mit müden Augen und dem Ausdruck eines Menschen, der das Alleinsein gerade noch als Freiheit verkauft bekommt.
Sie lächelte kurz, höflich. „Guten Abend.“
Helena blieb stehen.
Das Herz der Frau schlug ruhig. Warm. Lebendig.
„Guten Abend“, sagte Helena.
Draußen begann es zu regnen.
Später stand sie auf der anderen Straßenseite und blickte hinauf zu dem Fenster im dritten Stock. Das Licht in der Wohnung dahinter war weich und gelb. Ein einzelner Schatten bewegte sich darin. Helena hörte das ferne Pochen des Herzens. Hörte die Einsamkeit, ohne dass sie einen Laut machte.
Sie wusste, wie einfach es wäre.
Nur ein Gespräch.
Ein falscher Zufall.
Ein höflicher Blick.
Eine Nacht im Regen.
Eine Tür.
Eine Einladung.
Adrians Stimme lebte noch immer in ihr, auch wenn sie ihn seit Monaten nicht gesehen hatte. Vielleicht seit Jahren. Bei Wesen wie ihnen verlor selbst Trennung ihre klare Form.
Du gewöhnst dich daran.
Helena hob den Blick zum schwarzen Fenster ihres früheren Schlafzimmers und lächelte zum ersten Mal, ohne Reue.
Dann überquerte sie die Straße.
