
Hexe raubt das Mädchen
1. Freundinnen suchen das verfluchte Hexenhaus
Die Nacht lag schwer und feucht über dem Schwarzwald. Elena, Sarah und Maya bahnten sich ihren Weg durch das dichte Unterholz, wo die Äste wie knöcherne Finger nach ihrer Kleidung griffen. Elena ging voran, ihre Taschenlampe schnitt einen harten, weißen Kegel in die Finsternis. Sie war diejenige gewesen, die von der Legende der „Knochen-Gretel“ erzählt hatte – einer Hexe, die seit Jahrhunderten in einer Hütte tief im verbotenen Quadranten des Waldes hausen sollte.
„Das ist eine Schnapsidee“, flüsterte Maya. Sie bildete das Schlusslicht und zitterte so stark, dass ihre Zähne klapperten. „Wir sollten umkehren. Es ist fast Mitternacht.“
„Hab dich nicht so, Maya“, lachte Sarah, obwohl auch ihre Stimme eine Oktave höher klang als gewöhnlich. „Es ist nur eine alte Ruine. Wir machen ein Selfie, beweisen unseren Mut und sind in einer Stunde wieder am Auto.“
Doch der Wald schien nicht zu wollen, dass sie hier waren. Das übliche Zirpen der Grillen war verstummt. Ein unnatürliches Schweigen herrschte, das nur durch das Knacken ihrer eigenen Schritte unterbrochen wurde. Plötzlich veränderte sich die Luft. Ein beißender Geruch nach verfaultem Fleisch und süßlichem Verwesungsaroma schlug ihnen entgegen.
Dann sahen sie es: Eine Hütte, die eher gewachsen als gebaut schien. Die Wände bestanden aus krummen, schwarz verwitterten Baumstämmen, das Dach war mit dickem, triefendem Moos bedeckt. Es gab keine Fenster, nur eine schwere Tür aus massivem Eichenholz.
„Da ist es“, hauchte Elena. Sie blieb stehen. In diesem Moment erlosch ihre Taschenlampe. Ein kurzes Flackern, dann vollkommene Schwärze.
Und dann erklang es: Ein trockenes, rasselndes Gelächter, das direkt aus dem Boden zu kommen schien. Es war kein menschliches Lachen. Es klang wie das Brechen von trockenem Holz und das Gurgeln von Blut.
2. Hexe verschleppt die wehrlose Maya
„Lauft!“, schrie Elena, doch es war zu spät.
Ein Schatten, schwärzer als die Nacht selbst, schälte sich mit unnatürlicher Geschwindigkeit aus der Finsternis hinter der Hütte. Bevor Maya auch nur den Mund zum Schreien öffnen konnte, spürte sie eiskalte, ledrige Hände an ihrer Kehle.
Die Gestalt war riesig und hager. Ihr Gesicht war eine zerfurchte Landschaft aus Warzen und tiefen Falten, die Augen leuchteten in einem kränklichen Gelb. Die Hexe bleckte die Zähne – gelbe, spitze Stümpfe –, während sie Maya mit einer Kraft packte, die jedem Naturgesetz spottete. Mit einem rasanten Schwung warf sie die junge Frau über ihre knöcherne Schulter, als wäre sie nicht schwerer als ein geschlachtetes Lamm.
Maya strampelte, schlug mit den Fäusten auf den harten Rücken der Kreatur ein, doch es war, als würde sie gegen Stein schlagen.
„Hilfe! Elena! Sarah!“, gellte ihr Schrei durch den Wald.
Ihre Freundinnen starrten für eine Sekunde gelähmt vor Entsetzen auf das Ungeheuer. Als die Hexe jedoch den Kopf wandte und ein weiteres, triumphierendes Lachen ausstieß, riss der Faden ihrer Tapferkeit. Panik, rein und primitiv, übernahm das Kommando. Ohne zurückzublicken, rannten Elena und Sarah in die Richtung, aus der sie gekommen waren, stolperten über Wurzeln und ließen ihre Freundin in der Dunkelheit zurück.
Die Hexe stieß die schwere Eichentür mit dem Fuß auf und trat in das stickige Innere der Hütte. Der Raum war nur vom flackernden Schein eines grünen Feuers erhellt, das unter einem riesigen, gusseisernen Kessel brannte. Es roch nach Kräutern, Urin und altem Tod.
3. Monster bereitet eine furchtbare Mahlzeit
Die Hexe warf Maya grob auf einen hölzernen Tisch, der von eingetrockneten Blutflecken übersät war.
„Still, mein Täubchen“, krächzte die Kreatur. Ihre Stimme klang wie Schleifpapier auf Knochen. „So viel Angst… das macht das Fleisch zäh. Aber die Jugend, ach, die Jugend schmeckt so süß. Deine Haut ist so glatt, kein Vergleich zu dem zähen Leder der Dorfbewohner.“
Maya versuchte zu flehen, doch die Hexe griff in eine Schale mit halbverrotteten Äpfeln. Mit einem grausamen Grinsen stieß sie Maya einen harten, kleinen Apfel tief in den Mund und fixierte ihn mit einem schmutzigen Lederriemen, den sie fest hinter ihrem Kopf verknotete. Mayas Schreie erstarben zu einem dumpfen Würgen.
„Du wirst mein Festmahl sein“, flüsterte die Hexe und strich Maya mit einem langen, schwarzen Fingernagel über die Wange. „Ich habe so lange gewartet.“
Mit flinken, geübten Griffen band die Hexe Mayas Handgelenke und Knöchel mit einem rauen Hanfseil zusammen. Dann warf sie das Ende des Seils über einen massiven Deckenbalken, der direkt über dem dampfenden Kessel montiert war.
Mit einem Ruck zog die Hexe an dem Seil. Maya wurde in die Höhe gerissen, bis sie kopfüber über dem brodelnden Wasser baumelte. Der Dampf stieg heiß in ihr Gesicht, Schweiß vermischte sich mit Tränen. Die Hexe begann zu tanzen. Es war eine groteske, hinkende Bewegung, ein Triumphzug des Bösen. Sie sang in einer Sprache, die Maya nicht verstand, und lachte immer wieder schrill auf.
„Gleich wirst du gar sein, kleines Fleischchen“, spottete sie und legte die Hand an die Kurbel, die das Seil hielt. „Ganz langsam lassen wir dich hinab.“
4. Dorfbewohner stürmen die dunkle Hütte
Die Hexe löste die Arretierung der Kurbel. Zentimeter um Zentimeter sank Maya dem kochenden Tod entgegen. Das Wasser unter ihr blubberte aggressiv, grüne Blasen platzten und versprühten heiße Tropfen auf ihre nackten Arme. Maya schloss die Augen und betete um ein schnelles Ende.
Plötzlich erzitterte die gesamte Hütte. Ein dumpfer Schlag gegen die Tür ließ den Staub von den Balken rieseln.
Die Hexe hielt inne, ihr gelber Blick flog zur Tür. „Was…?“
Ein zweiter Schlag folgte, diesmal splitterte das Holz. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen barst die schwere Eichentür aus den Angeln und schlug auf den schmutzigen Boden auf.
Ein gleißendes Licht flutete den Raum – nicht das schwache Licht von Taschenlampen, sondern das wilde, tanzende Feuer von Fackeln. Eine Gruppe von Männern, Gesichter gezeichnet von Zorn und jahrelanger Unterdrückung, stürmte herein. Sie trugen schwere Mäntel, Mistgabeln und Äxte.
„Heute endet dein Treiben, Unhold!“, rief ein kräftiger Mann mit tiefem Bass.
Die Hexe stieß einen Schrei aus, der die Ohren betäubte. Sie wollte die Kurbel loslassen, um Maya endgültig in den Kessel stürzen zu lassen, doch ein Pfeil zischte durch die Luft und bohrte sich in ihre Schulter. Kreischend vor Wut und Schmerz taumelte sie zurück.
In diesem Moment brach das Chaos los. Die Männer warfen ihre Fackeln in die Ecken der Hütte, wo getrocknete Kräuter und Tierhäute sofort Feuer fingen. Rauch füllte den Raum, während die Bewohner des nahen Dorfes die Hexe einkreisten.
5. Mann rettet die gefesselte Maya
Bevor Maya den Kessel berühren konnte, spürte sie starke Arme, die sie auffingen. Der Anführer der Dorfbewohner hatte sich unter sie geworfen und hielt ihren Körper fest, während ein anderer das Seil kappte. Sanft legte er sie auf den Boden, weg von der Hitze des Feuers.
Mit einem scharfen Messer schnitt er die Fesseln an ihren Handgelenken auf und löste den grausamen Knebel aus ihrem Mund. Maya hustete und schnappte nach Luft, ihre Lungen brannten vom Rauch.
„Hab keine Angst, Kind“, sagte der Mann mit rauer, aber gütiger Stimme. „Wir beobachten diesen Ort schon lange. Heute haben wir den Moment abgepasst.“
Er hob sie mit einer Leichtigkeit hoch, die Sicherheit ausstrahlte, und trug sie auf seinen Händen aus der brennenden Hölle hinaus ins Freie. Draußen wartete die kühle Nachtluft, die sich nach dem Stickigen im Inneren wie ein Segen anfühlte.
Hinter ihnen loderte die Hütte wie eine riesige Fackel auf. Doch das Grauen war noch nicht vorbei.
Ein Schatten brach durch das Dach der brennenden Hütte. Die Hexe, deren Kleidung in Flammen stand, war auf einen knorrigen Besen gesprungen. Mit einem letzten, markerschütternden Kreischen erhob sie sich in die Lüfte. Das Feuer schien ihr nichts anhaben zu können, während sie über den Wipfeln der Bäume kreiste.
„Dies ist nicht das Ende!“, schrie sie hinab, und ihre Stimme hallte wie Donner durch den Wald. „Ich werde zurückkehren! Eure Töchter werden den Preis bezahlen! Ich schwöre Rache!“
Dann verschwand sie als schwarzer Punkt vor dem blutroten Mond. Der Mann, der Maya hielt, sah ihr finster hinterher, während er die junge Frau fester an sich drückte und den Weg zurück in die Zivilisation antrat. Maya zitterte immer noch, denn sie wusste: Der Wald würde nie wieder derselbe sein.
