
Das Geräusch zwischen den Bäumen
Es war Toms Idee gewesen.
Natürlich war es Toms Idee gewesen. Er war immer derjenige, der in Gruppenfotos grinste, als hätte er die Welt persönlich aufgezogen. Derjenige, der mit einer Taschenlampe unter dem Kinn „Buh“ sagte, obwohl niemand erschrak, weil Tom nie wirklich bedrohlich wirkte. Er war laut, schnell, ungeduldig mit Stille und besaß dieses Talent, jede aufkommende Nervosität mit einem Witz zu zerschneiden.
„Eine Nacht im Wald“, hatte er gesagt. „Kein Empfang, kein Lärm, keine Menschen. Nur wir sechs, Feuer, Bier und mal nicht so tun, als wären wir schon tot, obwohl wir erst Ende zwanzig sind.“
Also fuhren sie.
Tom.
Mira, seine Freundin, die schon auf dem Parkplatz zu frieren begann, obwohl es erst spätnachmittags war.
Levin, der nie etwas glaubte, das sich nicht messen, filmen oder erklären ließ.
Nora, die zu viel beobachtete und zu wenig sagte.
Jannis, der ständig lachte, wenn er nervös wurde, und behauptete, das sei ein Charmeproblem.
Und Alina, die den Wald von Anfang an nicht mochte, obwohl sie nicht sagen konnte, warum.
Die Straße wurde irgendwann schmal, dann geschottert, dann nur noch ein dunkler Streifen Erde zwischen dicht stehenden Fichten. Der Himmel hing tief. Kein Regen, aber eine Feuchtigkeit in der Luft, die sich an Haut und Kleidung legte, als wolle der Wald sie schon vor der Nacht in Besitz nehmen.
Sie parkten am Ende des Weges auf einer kleinen, freien Fläche. Dahinter begann der eigentliche Wald: dicht, still, zu gleichmäßig. Die Stämme standen eng wie Säulen, und zwischen ihnen lag ein Halbdunkel, das das späte Tageslicht verschluckte, ohne dabei wirklich Schatten zu werfen.
„Gemütlich“, sagte Jannis und hob die Kiste Bier aus dem Kofferraum.
„Wie in einem Tatort direkt vor der Rekonstruktion“, murmelte Alina.
Tom lachte. „Perfekt also.“
Der Platz, den Tom ausgesucht hatte, lag zwanzig Minuten Fußweg tiefer im Wald, an einer Senke, in deren Mitte ein alter Feuerkreis aus Steinen lag. Irgendwann musste dort öfter gecampt worden sein, aber jetzt wirkte der Platz verlassen. Nicht verwildert, nicht zerstört. Nur… aufgegeben. So, als hätte man ihn nicht vergessen, sondern bewusst zurückgelassen.
Mira blieb neben dem schwarzen, kalten Kreis stehen. „War hier wirklich schon mal jemand?“
„Offensichtlich“, sagte Levin. „Steine. Asche. Sogar alte Schnittspuren an dem Stamm da. Menschen. Keine Dämonen.“
„Niemand hat Dämonen gesagt“, antwortete Nora.
Levin sah sie kurz an, dann den Wald hinter ihr. „Noch nicht.“
Sie bauten die Zelte auf, sammelten Holz, entzündeten das Feuer, tranken die ersten Flaschen. Anfangs war alles leicht. Es wurde geredet, gelacht, in Erinnerungen gewühlt, in Geschichten von früher, von Partys, Exfreunden, peinlichen Reisen und verkorksten Bewerbungen. Das Feuer knackte freundlich, und die Dunkelheit rückte langsam näher, erst zwischen die Stämme, dann unter ihre Stimmen.
Als die Nacht richtig da war, veränderte sich der Wald.
Nicht plötzlich. Eher wie ein Gesicht, das lächelt, bis man merkt, dass es nie freundlich gemeint war.
Die Geräusche wurden weniger. Kein Vogel. Kein Rascheln kleiner Tiere. Kein Wind in den Kronen. Nur das Feuer. Und hinter dem Feuer diese tiefe, laumige Stille, in der jeder Laut unnatürlich wirkte, sogar das Kippen einer Flasche, sogar ein Husten.
Tom bemerkte es zuletzt. „Okay“, sagte er schließlich und sah sich um. „Das ist schon ein bisschen filmreif.“
„Es ist zu still“, sagte Mira.
„Wald ist nachts eben still“, sagte Levin.
„Nein“, sagte Nora.
Sie sprach leise, aber alle sahen zu ihr.
„Ein Wald ist nie still“, sagte sie. „Nie ganz.“
Niemand antwortete darauf.
Eine halbe Stunde später musste Jannis pinkeln und verschwand mit seiner Taschenlampe hinter die Bäume. Er pfiff noch, als er ging, ein falsches, übertrieben fröhliches Pfeifen. Das Pfeifen brach nach wenigen Sekunden ab.
Tom grinste ins Feuer. „Er versucht gleich, uns von hinten zu erschrecken.“
Sie warteten.
Dann kam Jannis zurück.
Ohne Taschenlampe.
Er trat in den Feuerschein, blieb am Rand stehen und sah sie an, als hätte er vergessen, wie Gesichter funktionierten.
„Wo ist deine Lampe?“, fragte Mira.
Jannis antwortete nicht sofort. Seine Stirn glänzte feucht. Seine Lippen waren trocken.
„Da hinten“, sagte er dann. „Ich… hab sie fallen lassen.“
„Dann hol sie“, sagte Levin.
Jannis schaute nicht zu ihm, sondern in den Wald hinter ihnen. „Nein.“
Tom lachte noch, aber das Lachen blieb flach. „Was heißt nein?“
Jannis setzte sich. Langsam. „Da war jemand.“
Levin verdrehte die Augen. „Klar.“
„Da war jemand“, wiederholte Jannis. „Zwischen den Bäumen. Ich hab gedacht, Tom ist mir gefolgt. Nur… es war zu weit weg. Und zu dunkel. Aber ich hab gesehen, dass da jemand stand.“
„Vielleicht ein anderer Camper“, sagte Mira.
Jannis schüttelte den Kopf. „Nein. Der stand da schon, bevor ich die Lampe in die Richtung gehalten hab. Und als ich ihn gesehen hab… hatte ich das Gefühl, dass ich zu spät bin.“
„Zu spät womit?“, fragte Alina.
Jannis sah sie an, und in seinem Gesicht lag etwas, das keiner von ihnen mochte. „Ihn nicht anzusehen.“
Das Feuer sank ein wenig zusammen. Holz brach in sich. Funken stiegen kurz hoch und verloschen.
Levin stand auf. „Okay. Ich hole die Lampe.“
„Lass es“, sagte Jannis sofort.
„Ich hole nur eine Lampe. Ihr benehmt euch, als hätte euch ein Ast angestarrt.“
Er nahm seine eigene Taschenlampe und ging in die Richtung, aus der Jannis gekommen war. Das Licht zog schmale Bahnen zwischen die Stämme. Erst sahen sie ihn noch. Dann nur noch den Kegel seiner Lampe. Dann nichts.
„Zwei Minuten“, sagte Tom. „Dann kommt der Herr Professor zurück und erklärt uns, wie Optik und Angst zusammenhängen.“
Die zwei Minuten vergingen.
Dann fünf.
Dann hörten sie Levin rufen.
Nicht laut. Nicht panisch. Eher überrascht, als hätte er etwas entdeckt, das nicht in seinen Erwartungen vorkam.
Tom sprang auf. „Levin?“
Keine Antwort.
„Levin!“
Jetzt kam eine Antwort. Aber sie klang falsch. Zu fern und zu nah zugleich.
„Kommt mal.“
Nora hob den Kopf. „Das war nicht weit weg.“
Tom runzelte die Stirn. „Natürlich nicht, er ist da drüben.“
„Nein“, sagte Nora. „Das war direkt hinter uns.“
Keiner bewegte sich.
Dann kam Levins Stimme wieder.
„Kommt mal.“
Diesmal vom linken Waldrand.
Und fast gleichzeitig, als Echo oder Wiederholung, noch einmal:
„Kommt mal.“
Rechts.
Mira fing an zu weinen, leise, unwillkürlich, als hätte ihr Körper vor ihrem Verstand verstanden.
Tom griff nach einem brennenden Ast. „Okay. Schluss. Das ist irgendein Scheiß.“
„Setz dich“, sagte Alina scharf.
„Was?“
„Setz dich, Tom.“
Er sah sie an, ungehalten, doch in ihrem Gesicht lag eine Blässe, die ihn tatsächlich einen Schritt zurückweichen ließ.
„Hört zu“, sagte Nora. „Alle. Ab jetzt geht niemand allein irgendwohin. Niemand antwortet in den Wald. Egal, wer da ruft.“
„Das ist lächerlich“, sagte Tom, aber seine Stimme trug die Entschlossenheit nicht mehr.
Levin kam nicht zurück.
Sie redeten zuerst noch über Möglichkeiten, als könnten Begriffe sie schützen. Scherz. Verirrung. Unfall. Schlechter Empfang, aber vielleicht irgendwo doch Netz. Jäger. Andere Leute. Doch jedes Wort klang hohl, sobald es ausgesprochen war.
Tom und Jannis wollten schließlich trotzdem los. Levin suchen. Zu zweit. Mit Feuer und Lampe. Nora stellte sich ihnen in den Weg.
„Wenn ihr reingeht“, sagte sie, „kommt ihr nicht zu Levin. Ihr kommt nur dorthin, wo etwas seine Stimme hat.“
„Du spinnst“, sagte Tom.
„Vielleicht“, sagte Nora. „Aber ich gehe nicht mit.“
Mira hielt Tom am Arm fest. „Bitte.“
Es war das erste Mal, dass er nicht sofort handelte. Er sah in die Dunkelheit und wirkte plötzlich jünger, kleiner. Nicht wie der, der Ideen hatte. Sondern wie jemand, der zum ersten Mal merkte, dass nicht jede Tür in ein Abenteuer führt.
Sie blieben.
Das Feuer wurde größer gemacht. Keiner trank mehr. Die Zelte standen offen und schwarz hinter ihnen wie Münder. Ab und zu meinte einer, zwischen den Bäumen Bewegung zu sehen, aber nie lange genug, um sicher zu sein. Kein Rascheln kündigte etwas an. Nichts brach Äste. Die Finsternis verschob sich nur manchmal auf eine Weise, die das Auge nicht festhalten konnte.
Irgendwann sagte Mira: „Wir sind doch sechs, oder?“
Niemand antwortete sofort.
Dann sagte Tom: „Was?“
Mira sah ins Feuer. „Vorhin. Als Jannis zurückkam. Da hatte ich plötzlich das Gefühl, dass wir schon wieder zu sechst sind.“
Tom begann etwas zu sagen, hörte aber auf.
Alina zählte leise mit den Blicken durch. Tom. Mira. Jannis. Nora. Sie selbst.
Fünf.
„Hör auf“, flüsterte Jannis. „Bitte hör auf.“
„Ich zähle doch nur“, sagte Alina.
„Nicht laut.“
Wieder Stille.
Dann, aus dem Dunkel zwischen zwei Fichten, trat Levin ins Licht.
Mira schrie auf. Tom fuhr herum. Jannis sprang auf die Füße.
Levin stand reglos da, etwa vier Meter vom Feuer entfernt. Seine Taschenlampe hielt er noch in der Hand, aber sie war aus. Sein Gesicht lag halb im Schatten. Das Merkwürdigste aber war nicht, dass er wieder da war.
Es war, dass niemand gesehen hatte, wie er näher gekommen war.
„Levin“, sagte Tom und lachte zu schnell. „Verdammt, Alter.“
Levin antwortete nicht.
„Was war denn?“, fragte Mira mit zittriger Stimme.
Langsam hob Levin den Kopf.
Seine Augen wirkten offen, aber leer konzentriert, als schaue er durch sie hindurch. Die Haut seines Gesichts war seltsam gespannt. Als hätte etwas unter der Mimik vergessen, wie man Mensch blieb.
„Es ist nicht weit“, sagte er.
Nora stand auf. „Nein.“
Levin drehte den Kopf zu ihr. Zu weit. Zu weich. Als säße da kein Widerstand im Nacken.
„Es ist nicht weit“, wiederholte er.
Tom ging einen Schritt auf ihn zu. „Hör auf mit dem Mist.“
„Ich hab was gefunden.“
„Was?“
Levin lächelte.
Es war nur ein kleines Lächeln. Aber es war das falsche Lächeln. Kein Ausdruck von Erleichterung, keine Ironie, nichts Wiedererkennbares. Eher das Nachahmen eines Ausdrucks, den man irgendwo gesehen hat.
„Uns“, sagte er.
Da rannte Mira.
Niemand hatte ihr gesagt, sie solle es nicht tun. Niemand war schnell genug. Sie fuhr herum und stolperte zwischen zwei Zelte, weiter in den dunklen Rand des Platzes, hinein zwischen die ersten Stämme.
Tom fluchte und wollte hinterher.
Nora packte ihn an der Jacke. „Nein!“
„Sie ist allein!“
„Dann ist sie weg!“
„Lass mich los!“
In diesem Moment hörten sie Mira schreien.
Nicht weit weg.
Direkt vor ihnen, irgendwo links.
Dann noch einmal.
Weiter hinten.
Dann ein drittes Mal, viel tiefer im Wald.
Das dritte Schreien klang nicht mehr wie Mira.
Tom riss sich los und rannte los.
Jannis schrie ihm hinterher. Alina stand wie eingefroren. Nora atmete flach, die Augen weit offen, ohne dem zu folgen, was da im Dunkeln war.
Levin stand immer noch am Rand des Feuers.
Dann trat er rückwärts aus dem Licht.
Nur einen Schritt.
Und war weg.
Als hätte die Dunkelheit ihn nicht verdeckt, sondern geöffnet.
Jannis begann zu würgen. „Was ist das? Was ist das?“
Nora antwortete diesmal. „Ich glaube, es sieht uns nicht. Ich glaube, es hört, was wir über uns wissen.“
Alina starrte sie an. „Was?“
„Es ruft nicht nur mit Stimmen“, sagte Nora. „Es ruft mit Vertrautheit. Mit dem, was wir erwarten. Mit dem, was wir für echt halten.“
„Du redest, als hättest du das schon mal erlebt.“
Nora schwieg zu lange.
Dann sagte sie: „Meine Schwester ist vor elf Jahren in einem Wald verschwunden.“
Jannis hob langsam den Kopf.
„Wir waren zu viert. Zwei Erwachsene, wir zwei Kinder. Und irgendwann war sie noch da und dann wieder da und dann nicht mehr da. Meine Mutter hat gesagt, wir hätten uns verlaufen. Mein Vater hat nie wieder über den Wald gesprochen. Aber ich erinnere mich an eines.“
Nora sah in die Dunkelheit, und ihre Stimme war jetzt kaum mehr als ein dünner Faden.
„Ich erinnere mich, dass meine Schwester mich damals gefragt hat, warum ich sie so anstarre. Und ich weiß noch, dass ich dachte: Weil du schon seit fünf Minuten hinter mir stehst.“
Jannis begann zu zittern. Nicht mit einem Schauer, sondern am ganzen Körper, als würde etwas in ihm lose.
„Warum hast du nichts gesagt?“, flüsterte Alina.
Nora lachte tonlos. „Weil wir längst hier waren, als wir ausgestiegen sind.“
Da hörten sie Tom.
„Leute!“
Seine Stimme kam von vorn, aus dem Weg, von dem sie gekommen waren.
„Ich hab Mira! Kommt! Schnell!“
Jannis machte einen Schritt.
Nora stellte sich zwischen ihn und den Ruf. „Nein.“
„Das ist Tom!“
„Nein.“
„Verdammt, wenn er sie hat—“
„Dann wäre er nicht da vorne.“
Toms Stimme kam wieder. Drängender jetzt. Verängstigt.
„Bitte!“
Jannis brach.
Er schob Nora zur Seite und rannte los, direkt auf den Weg zu. Alina griff ins Leere. Nur sein Jackenärmel streifte ihre Finger. Dann war auch er zwischen den Stämmen verschwunden.
Was folgte, war schlimmer als ein Schrei.
Es war Jannis’ Lachen.
Erst kurz, hektisch, hoch. Genau wie immer, wenn er nervös wurde. Dann länger. Lauter. Krampfhaft. Es hallte zwischen den Bäumen, überschlug sich, kippte in etwas um, das nicht mehr menschlich war. Als hätte das Lachen ihn aufgerissen und etwas darunter freigelegt.
Dann abrupt Stille.
Nur das Feuer.
Nur der Atem von drei Menschen, die plötzlich wussten, dass der Wald nicht tötete wie ein Tier, nicht aus Hunger, nicht aus Wut. Sondern wie eine Erinnerung, die stärker ist als der Mensch, der sie trägt.
Alina setzte sich langsam hin. „Wir müssen bis Morgen bleiben.“
„Morgen“, sagte Nora. „Ich bin nicht sicher, ob es hier Morgen gibt.“
Tom kam zurück, kurz vor Mitternacht.
Oder etwas, das Tom ähnelte.
Er trat taumelnd auf den Platz, blutverschmiert an den Händen, die Kleidung zerrissen, das Gesicht kalkweiß. Alina sprang sofort auf ihn zu, doch Nora packte sie am Arm.
„Tom“, sagte Nora. „Was hat Mira auf deinem sechzehnten Geburtstag zu dir gesagt, bevor sie überhaupt deine Freundin war?“
Tom blinzelte. Seine Lippen zitterten.
Dann sagte er: „Was? Nora, bitte—“
„Was hat sie gesagt?“
Tom atmete stoßweise. „Dass dein Kuchen scheiße aussieht.“
Alina starrte Nora an. Nora ließ langsam ihren Griff sinken.
„Das stimmt“, flüsterte Alina.
Tom brach am Feuer zusammen.
Sie zogen ihn näher ans Licht. Seine Hände waren aufgerissen, als hätte er an Rinde oder Stein gekratzt. Unter seinen Fingernägeln steckte dunkler Schlamm. Seine Augen huschten ständig an den Waldrand.
„Wo ist Mira?“, fragte Alina.
Tom antwortete lange nicht.
Dann: „Ich hab sie gesehen.“
„Wo?“
„Mehrmals.“
Er sah auf seine Hände, als gehörten sie nicht ihm.
„Ich dachte erst, sie läuft vor mir. Dann stand sie rechts von mir. Dann vor mir. Dann hinter einem Baum. Immer nur halb. Immer gerade so, dass ich ihr nachgehe. Sie hat nie was gesagt. Nicht einmal geschrien. Sie hat nur… geguckt.“
„Und dann?“, fragte Nora.
Tom schluckte.
„Dann hab ich sie endlich erreicht.“
Niemand drängte ihn, weiterzureden.
„Sie stand zwischen zwei Tannen. Rücken zu mir. Haare nass, obwohl es nicht regnet. Ich hab sie angefasst. An der Schulter. Da hat sie den Kopf gedreht.“
Er schloss die Augen, aber das half ihm sichtbar nicht.
„Es war Mira. Nur… nicht ganz. Ihr Gesicht war richtig. Aber als sie mich angesehen hat, wusste ich plötzlich, dass sie gar nicht mich ansieht. Dass sie nur weiß, wie das aussieht. Versteht ihr? Als hätte sie gelernt, ein Gesicht zu tragen.“
Alina weinte jetzt offen.
Tom beugte sich vor und flüsterte: „Und hinter ihr standen noch mehr.“
„Wer?“, fragte Alina.
Tom sah ins Feuer.
„Wir.“
Niemand schlief.
Irgendwann in der Nacht begann Alina, leise zu sprechen. Zuerst dachten die anderen, sie rede mit ihnen, doch sie saß nur da und nickte, als höre sie eine vertraute Stimme.
„Nein“, murmelte sie. „Ich weiß.“
Tom hob den Kopf. „Alina?“
Sie reagierte nicht.
„Ich hab’s nicht absichtlich gemacht“, sagte sie in die Dunkelheit. „Ich hab damals nur kurz weggeguckt.“
Nora wurde bleich. „Alina.“
Alina sah langsam auf. Ihre Augen standen voller Tränen, aber nicht von der Gegenwart.
„Mein kleiner Bruder“, sagte sie tonlos. „Im Freizeitbad. Ich sollte auf ihn aufpassen. Er war fünf. Ich hab mit meinem Handy geschrieben. Vielleicht drei Minuten. Vielleicht zwei. Als ich wieder hingesehen hab, war er weg. Man hat ihn erst später gefunden.“
Tom starrte sie an. „Warum erzählst du das jetzt?“
Alina lächelte plötzlich schmal, verletzt, müde. „Ich erzähle es nicht euch.“
Dann stand sie auf.
Nora sprang ihr nach, aber zu spät.
Alina ging nicht schnell. Sie ging ruhig, beinahe erleichtert, hinein in die Dunkelheit zwischen den Bäumen, als hätte dort jemand auf sie gewartet, der sie endlich verstand.
Diesmal rief niemand ihren Namen.
Tom und Nora blieben zurück.
Das Feuer war fast niedergebrannt. Nur noch rote Glut, ein paar knisternde Reste. Der Wald stand still um sie herum, geduldig wie etwas, das keine Eile hat.
Tom sah aus, als sei er in wenigen Stunden um Jahre gealtert. „Warum du?“
Nora verstand sofort. „Warum kenne ich das?“
Er nickte.
Sie sah auf ihre Hände. „Weil manche Orte kein Zuhause brauchen. Sie brauchen nur Leute, die schon Risse haben.“
„Und jetzt?“
Nora antwortete nicht. Was hätte sie auch sagen sollen? Warten? Hoffen? Richtig entscheiden? In einem Wald, der sich von Erinnerung ernährte?
Tom atmete unregelmäßig. „Ich glaube, ich höre sie.“
„Wen?“
„Alle.“
Nora lauschte. Erst hörte sie nichts. Dann doch.
Nicht Stimmen.
Gewohnheiten.
Jannis’ nervöses Lachen. Miras Art, den Atem scharf einzuziehen, wenn ihr kalt war. Alinas leises Räuspern. Levins trockenen Halbsatz vor jedem Widerspruch. Toms eigenes Schnalzen mit der Zunge. Kleine, intime Geräusche, die nur Freunde aneinander bemerken. Sie kamen aus dem Wald in verschiedenen Richtungen, leise, fast zärtlich.
Tom presste die Hände auf die Ohren.
„Nicht hinhören“, sagte Nora.
„Zu spät“, flüsterte er.
Dann hob er den Kopf und sah sie an, als käme er endlich bei einem Gedanken an, der schon lange in ihm gewartet hatte.
„Vielleicht sind wir nie zu sechst angekommen“, sagte er.
Nora schwieg.
„Vielleicht waren wir schon auf der Fahrt nicht mehr richtig“, sagte er weiter. „Vielleicht gab es schon vorher… eine Verschiebung. Weißt du noch an der Tankstelle? Als Mira aus dem Laden kam und gefragt hat, warum wir sie alle so komisch ansehen?“
Nora erinnerte sich.
Ja.
Sie erinnerte sich.
Tom begann zu lachen. Nicht laut. Nicht hysterisch. Nur dieses kurze, ungläubige Lachen eines Menschen, der an der Wahrheit zerbricht, weil sie zu spät kommt, um noch zu helfen.
„Ich glaube“, sagte er, „wir haben jemanden mitgebracht.“
Da ging das letzte Feuer aus.
Die Dunkelheit war vollkommen.
Nora hörte Tom noch atmen, ganz nah. Dann ein zweites Atmen. Gleicher Rhythmus. Gleiche Nervosität.
Sie wagte nicht, sich zu bewegen.
„Tom?“, flüsterte sie.
„Ja“, sagte Tom links von ihr.
„Ja“, sagte Tom rechts von ihr.
Nora schloss die Augen.
Etwas berührte ihr Haar. Zart. Prüfend. Wie eine Hand, die sich erinnert, wie Trost aussehen soll.
Am Morgen fand der Förster den Platz.
Die Zelte standen noch. Der Feuerkreis war kalt. Bierflaschen lagen im Gras. Zwei Rucksäcke. Drei Jacken. Keine Leichen. Kein Blut. Keine Spuren eines Kampfes.
Nur tiefe, unregelmäßige Eindrücke im feuchten Boden rings um den Platz, als hätten dort in der Nacht viele Menschen gestanden. Sehr viele.
Der Förster sagte später, es habe ausgesehen, als hätten sie den Kreis die ganze Nacht lang umstellt.
Wochen danach suchte man nach den sechs Freunden. Man fand nichts. Keine Handys. Keine Schuhe. Keine Knochen. Nichts.
Nur ein einziges Video auf Toms Cloud, automatisch hochgeladen in der Nacht, verwackelt und fast schwarz. Dreizehn Sekunden lang. Man hört schweres Atmen. Dann Toms Stimme, ganz nah am Mikrofon, heiser und kaum mehr als ein Hauch:
„Wir sind nicht mehr sechs.“
Danach dreht sich die Kamera kurz. Zwischen den Bäumen stehen Gestalten.
Zu viele.
Still.
Und alle haben ein Gesicht, das irgendjemand wiedererkennen würde.
