
Liselottes Augen
Den Flohmarkt gab es nur zweimal im Jahr.
Einmal im Frühling, einmal im November, immer auf dem alten Messeplatz am Fluss, immer nachts, immer mit denselben Ständen aus rostigen Lampen, verblichenen Bildern, abgewetzten Sesseln, Koffern mit Messingschlössern und Kisten voller Dinge, die andere Menschen irgendwann nicht mehr in ihrem Haus haben wollten. Clara mochte diesen Markt, gerade weil er nicht freundlich war. Nichts dort glänzte. Nichts war neu. Alles roch nach Staub, kaltem Metall, Kellerluft und den Händen von Leuten, die längst tot waren.
Sie war allein gekommen, kurz nach zehn, mit einem Pappbecher Kaffee in der Hand und der müden, ziellosen Stimmung eines Sonntagsabends, an dem man lieber unter Menschen ist, auch wenn man keine Gesellschaft sucht. Der Novemberwind zog über den Platz und hob die Planen der Stände leicht an. Zwischen den Reihen hingen gelbliche Lichterketten, die eher Schatten schufen als Helligkeit.
Clara arbeitete in einer Kanzlei, trug auch privat meist dunkle Mäntel und hatte sich angewöhnt, Dinge zu kaufen, die alt aussahen, weil sie fand, dass alles Neue sofort belanglos wirkte. Ihre Freunde nannten es Geschmack. Ihre Mutter nannte es „deine depressive Einrichtung“. Clara nannte es Ruhe.
Sie blieb an einem Stand stehen, auf dem fast nur Spielzeug lag.
Kein modernes Plastik, keine bunten Kartons. Zinnsoldaten. Ein Holzpferd mit einem gesprungenen Bein. Ein kleiner Bär mit nur einem Knopfauge. Dazwischen saß eine Puppe.
Sie war ungefähr so groß wie ein Kleinkind, mit einem Porzellankopf, blonden Locken aus echtem Haar und einem dunkelblauen Kleid aus schwerem Stoff. Das Kleid war alt, aber sauber. Die Hände waren aus Porzellan, die Finger fein gearbeitet. Das Gesicht wirkte auf eine unangenehme Weise schön: schmale Nase, kleine rosige Lippen, große graublaue Augen mit echten Wimpern.
Clara wusste sofort, dass etwas daran nicht stimmte.
Nicht, weil die Puppe beschädigt gewesen wäre. Eher im Gegenteil. Sie wirkte zu unversehrt. Zu präsent. Als würde sie nicht auf dem Tisch sitzen, sondern dort warten.
„Schöne Arbeit, oder?“
Der Verkäufer stand hinter ihr, ohne dass sie ihn hatte kommen hören. Er war ein sehr dünner Mann in einem braunen Mantel, der ihm zu groß war. Seine Finger lagen lang und blass auf der Tischkante.
„Wenn man Puppen mag“, sagte Clara.
„Man muss sie nicht mögen“, sagte er ruhig. „Man muss nur verstehen, dass manche Dinge jemanden suchen.“
Clara sah ihn an. „Das ist eine seltsame Art, etwas zu verkaufen.“
„Und doch sind Sie stehen geblieben.“
Sie wollte lachen, tat es aber nicht. Ihr Blick glitt wieder zur Puppe. Die Augen reflektierten das Licht nicht weich wie Glas, sondern hart, fast feucht. Für einen Moment hatte sie den absurden Eindruck, dass die Pupille ein wenig zu weit links stand. Als hätte die Puppe nicht geradeaus gesehen, sondern sie.
„Wie viel?“
Der Mann nannte einen Preis, der viel zu niedrig war.
„Warum so billig?“
Er antwortete nicht sofort. Dann sagte er: „Weil sie zurückkommt.“
Clara verdrehte leicht die Augen. „Natürlich.“
„Ich lüge nicht.“
„Das sagen Lügner ständig.“
Er lächelte nicht. „Nehmen Sie sie oder lassen Sie sie hier.“
Clara hatte keine Ahnung, warum sie bezahlte. Vielleicht aus Trotz. Vielleicht, weil der Abend plötzlich das Gefühl bekam, nicht völlig verschwendet zu sein. Vielleicht, weil sie seit Wochen schlecht schlief und in allem nach einem Reiz suchte, der die Tage voneinander unterschied.
Der Verkäufer wickelte die Puppe nicht ein. Er reichte sie ihr einfach.
Sie war schwerer als erwartet.
Nicht massiv. Aber dicht. Als bestünde im Innern mehr als Stoff, Draht und Porzellan.
„Wie heißt sie?“, fragte Clara.
Der Mann sah auf die Puppe hinab. „Liselotte.“
„Natürlich.“
„Wenn sie nachts woanders sitzt“, sagte er, „setzen Sie sie nicht zurück.“
Clara lachte diesmal doch. Kurz. Trocken.
„Gute Nacht.“
„Nein“, sagte der Mann.
Sie ging weiter, mit der Puppe im Arm.
Im Auto legte sie Liselotte auf den Beifahrersitz und schnallte sie aus einer Laune heraus an. Während der Fahrt vermied sie es, nach rechts zu sehen. Zwei Ampeln lang redete sie sich ein, das sei albern. An der dritten Ampel blickte sie doch hinüber.
Die Puppe saß reglos da, angeschnallt, die Hände ordentlich im Schoß.
Nur der Kopf war ein wenig zu ihr gedreht.
Clara bremste so abrupt, dass der Wagen hinter ihr hupte.
Sie starrte auf die Puppe. Dann schüttelte sie den Kopf, schob sich eine Strähne aus dem Gesicht und lachte leise über sich selbst. „Okay. Sehr lustig.“
Sie fasste den Kopf an. Er war kalt. Starr. Vielleicht hatte sie ihn unbemerkt selbst so gelegt. Vielleicht war die Straße schlecht gewesen. Vielleicht war sie einfach müde.
Zuhause trug sie die Puppe in ihre Wohnung im dritten Stock. Altbau. Hohe Decken, Fischgrätparkett, schmale Flure, in denen nachts jedes Knacken des Holzes klang, als würde das Haus sich im Schlaf umdrehen. Clara stellte Liselotte ins Wohnzimmer, auf einen Stuhl neben dem Bücherregal.
„Da bleibst du“, murmelte sie.
Sie zog der Puppe sogar leicht das Kleid glatt, bevor sie ins Bad ging, und hasste sich im selben Moment ein wenig dafür.
In der Nacht träumte sie von Kinderzimmern.
Nicht von einem bestimmten. Eher von der Idee eines Kinderzimmers: Tapeten mit verblassten Blumen, Gardinen, die sich ohne Wind bewegten, ein Teppich mit Flecken, die dunkel wurden, wenn man zu lange hinsah. Immer stand irgendwo Liselotte. Mal in der Ecke. Mal am Fenster. Mal direkt neben dem Bett. Im Traum wusste Clara, dass sie nicht hinsehen durfte. Gleichzeitig wusste sie, dass die Puppe nur dann näher kam, wenn man wegsah.
Sie erwachte gegen drei Uhr.
Irgendetwas hatte sie geweckt.
Kein Schrei. Kein Poltern.
Ein leises Geräusch, als würde Porzellan sehr vorsichtig über Holz streifen.
Clara lag im Bett und hielt den Atem an. Die Wohnung war still. Vom Innenhof her kam das ferne Brummen einer Lüftung. Rohrleitungen knisterten. Sonst nichts.
Sie setzte sich auf, schaltete die Nachttischlampe an, lauschte.
Wieder dieses Geräusch.
Ganz kurz.
Aus dem Flur.
Clara stand auf, zog sich den Bademantel enger und öffnete die Schlafzimmertür.
Der Flur war leer.
Gelbliches Licht aus dem Wohnzimmer fiel auf den Boden. Sie war sicher, dort alles ausgemacht zu haben.
Langsam ging sie hinüber.
Die Stehlampe neben dem Sofa brannte.
Und Liselotte saß nicht mehr auf dem Stuhl.
Die Puppe saß auf Claras Sofa.
Gerade. Mit gefalteten Händen. Das Gesicht zum Flur gedreht, als hätte sie auf sie gewartet.
Claras erster Gedanke war nicht übernatürlich. Er war praktisch und panisch zugleich: Jemand ist in meiner Wohnung.
Sie drehte sich sofort um, kontrollierte Küche, Bad, Schlafzimmer. Niemand. Wohnungstür verschlossen. Fenster zu.
Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, saß die Puppe noch immer da.
„Nein“, sagte Clara laut, obwohl niemand zuhörte. „Nein, nein. Ich habe dich auf den Stuhl gesetzt.“
Sie hob Liselotte hoch. Das Porzellan war eiskalt. Das Kleid roch schwach nach etwas Süßlichem. Nicht Parfum. Eher nach altem Puder und Holz, das jahrelang keine Sonne gesehen hat.
Clara stellte sie zurück auf den Stuhl. Diesmal drückte sie die Puppe bewusst tief in die Ecke der Sitzfläche, als könne sie dadurch beweisen, dass sie am Morgen noch genau dort sein müsse.
Am nächsten Morgen saß Liselotte am Esstisch.
Clara blieb in der Küchentür stehen, die Kaffeetasse in der Hand, und spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
Die Puppe saß auf einem normalen Stuhl, als gehöre sie dorthin. Vor ihr lag Claras Schlüsselbund.
Clara hatte die Schlüssel am Abend auf die Flurkommode gelegt.
Sie ging langsam näher.
Die Schlüssel lagen wirklich vor der Puppe. Einer der Anhänger war verbogen, als hätte man ihn lange zwischen harten Fingern gedreht.
Clara stellte die Tasse ab. Sie nahm die Schlüssel. Sie berührte Liselottes Wange.
Kalt. Glatt. Tot.
„Ich schlafe zu wenig“, sagte sie in den Raum.
Sie rief an diesem Tag in der Kanzlei an und meldete sich krank.
Dann verbrachte sie den Vormittag damit, jede rationale Erklärung gegen die Angst zu stellen, die langsam in ihr hochstieg wie schmutziges Wasser. Schlafwandeln. Erinnerungslücken. Ein Einbrecher mit krankem Humor. Eine Nachbarin mit Schlüssel. Ein Streich. Ein früher psychischer Zusammenbruch.
Gegen Mittag trug sie die Puppe in den Abstellraum.
Sie stellte sie in die hinterste Ecke zwischen Staubsauger und Winterreifen, schloss die Tür und steckte den Schlüssel in die Küchenschublade.
„So“, sagte sie.
Am Nachmittag versuchte sie zu arbeiten, las aber denselben Absatz eines Vertrags sechs Mal, ohne ihn zu verstehen. Zweimal glaubte sie, Schritte im Flur zu hören. Einmal das leise Klicken von Porzellan.
Als es dunkel wurde, begann der Geruch.
Er kam zuerst nur schwach. Etwas Moderiges. Süß und faul zugleich. Wie Blumenwasser, in dem etwas verrottet.
Clara folgte ihm in den Flur.
Der Geruch kam aus dem Abstellraum.
Sie stand mit der Hand am Türgriff und wusste bereits, dass sie nicht öffnen wollte. Sie wusste ebenso klar, dass sie es tun würde, gerade weil Angst immer verlangt, dass man nachsieht.
Sie schloss auf.
Die Puppe war nicht in der Ecke.
Liselotte stand direkt hinter der Tür.
Nicht gelehnt. Nicht hingefallen.
Stehend.
Clara schrie und stolperte rückwärts so heftig, dass sie gegen die Wand prallte. Ihr Ellenbogen schlug auf Holz, Schmerz schoss ihr bis in die Schulter. Die Puppe kippte nicht um. Sie stand einfach da, leicht nach vorn geneigt, als wäre sie in dem Moment bewegt worden, in dem Clara geöffnet hatte.
Clara rannte in die Küche, griff das erste Schwere, das sie fand – einen Hammer aus der Schublade unter der Spüle – und kam zurück.
„Nein“, keuchte sie. „Schluss. Schluss jetzt.“
Mit beiden Händen hob sie den Hammer und schlug Liselotte gegen den Kopf.
Das Porzellan bekam einen Sprung.
Nur einen.
Der Schlag hätte den Schädel jeder normalen Puppe zertrümmert. Liselottes Gesicht zeigte nun lediglich einen feinen Riss von der Stirn bis zum linken Auge.
Clara schlug noch einmal. Dann noch einmal.
Nach dem vierten Hieb brach der Kopf zur Hälfte auf.
Im Innern war kein Stoff.
Keine Füllung.
Kein Holz.
Im Innern war Haar.
Dicht gestopftes, graues, blondes, braunes Haar, zu festen Büscheln verfilzt. Dazwischen steckte etwas Kleines, Weißes.
Clara ließ den Hammer sinken.
Mit zitternden Fingern zog sie es heraus.
Ein Zahn.
Ein echter, kleiner menschlicher Zahn mit langer Wurzel.
Sie würgte sofort, beugte sich zur Seite und erbrach sich auf den Boden.
Als sie wieder hochsah, war der geborstene Puppenkopf leer.
Das Haar war nicht mehr zu sehen.
Auch der Zahn nicht.
Im geöffneten Schädel lag nur Dunkelheit.
Dann machte Liselottes rechter Arm ein trockenes Klick.
Nur ein kleines Gelenkgeräusch. Kaum eine Bewegung.
Aber genug.
Clara ließ den Hammer fallen und rannte aus der Wohnung.
Sie trug keine Tasche, keinen Mantel, nur Jeans, Pullover und ihre Hausschuhe. Im Treppenhaus schlug sie fast eine alte Nachbarin um, murmelte etwas von „Entschuldigung“ und stand Sekunden später keuchend auf der Straße.
Sie ging nicht zur Polizei.
Was hätte sie sagen sollen? Dass eine Puppe gelaufen ist? Dass in ihrem Kopf Haare und Zähne waren? Dass sie glaubte, etwas habe sich bewegt, obwohl sie genau wusste, wie lächerlich das klang?
Stattdessen fuhr sie mit einem Taxi zu ihrer Freundin Miriam.
Miriam öffnete in Jogginghose und mit nassen Haaren, weil sie gerade geduscht hatte. Als sie Claras Gesicht sah, wurde sie sofort ernst.
„Was ist passiert?“
Clara sagte zuerst nur: „Ich will heute Nacht nicht allein sein.“
Miriam ließ sie rein, setzte Tee auf, drängte sie aufs Sofa und hörte sich alles an. Keine Unterbrechungen. Keine Witze. Nur dieses konzentrierte Stirnrunzeln, das Clara immer beruhigt hatte.
Als Clara fertig war, schwieg Miriam kurz. Dann sagte sie vorsichtig: „Okay. Also. Entweder hast du gerade eine massive Stressreaktion… oder jemand spielt etwas wirklich Krankes mit dir.“
„Sie stand hinter der Tür.“
„Ich glaube, dass du das erlebt hast. Ich sage nur, dass es vielleicht noch eine Erklärung gibt, die nicht…“ Sie brach ab.
„Nicht was?“
„Nicht Puppe.“
Clara lachte tonlos. „Ich habe ihr den Kopf eingeschlagen. Da waren Haare drin. Menschliche Haare.“
Miriam nahm ihr die kalten Hände. „Dann gehen wir morgen zusammen in die Wohnung. Tagsüber. Und wenn da irgendwer drin war oder irgendwas nicht stimmt, rufen wir sofort die Polizei. Du bleibst heute hier.“
Clara nickte.
In dieser Nacht schlief sie im Gästezimmer.
Sie wachte um vier Uhr auf, weil jemand an der Tür kratzte.
Nicht laut. Nicht hektisch. Ein sehr sanftes, regelmäßiges Schaben, als würde etwas Kleines mit harten Fingernägeln über das Holz streichen.
Clara setzte sich auf.
Das Kratzen hörte auf.
Dann kam Miriams Stimme von draußen.
„Clara? Bist du wach?“
Clara wollte antworten, doch etwas hielt sie zurück.
Es war die Uhrzeit. Miriam stand nie mitten in der Nacht vor Türen und flüsterte. Außerdem war da wieder dieser süßlich-faule Geruch.
„Clara?“ fragte die Stimme erneut. „Mach mal auf.“
Clara starrte auf die Tür.
„Bitte.“
Ganz leise, fast unhörbar, hörte sie darunter ein trockenes Klick.
Porzellan.
Sie zog langsam die Decke bis ans Kinn und sagte kein Wort.
Irgendwann ging die Gestalt vor der Tür weiter. Sie hörte kleine, harte Tritte auf dem Flur. Dann das Knarren von Miriams Schlafzimmer.
Am Morgen fand Clara ihre Freundin tot in deren Bett.
Miriam lag auf dem Rücken, die Decke halb zur Seite geschoben, die Augen offen, der Mund in einem Ausdruck eingefrorenen Erschreckens. Es gab kaum Blut. Nur zwei kleine, dunkle Punkte unterhalb des Kiefers, sauber gesetzt, fast zärtlich. Ihre Haut war wachsgelb. Leer.
Auf dem Stuhl am Fenster saß Liselotte.
Der Kopf war wieder ganz.
Kein Riss. Kein Loch. Nichts.
Das dunkelblaue Kleid war sauber. Nur am Saum klebte ein einzelnes blondes Haar.
Clara schrie so laut, dass später zwei Nachbarn sagten, sie hätten gedacht, jemand werde lebendig verbrannt.
Diesmal kam die Polizei.
Und diesmal machte alles die Sache nur schlimmer.
Niemand glaubte ihr. Natürlich nicht. Warum auch? Eine tote Frau mit zwei kleinen Verletzungen am Hals, keine Einbruchsspuren, Clara im Haus, Claras Fingerabdrücke überall, Claras offensichtlich labiler Zustand, Claras Geschichte von einer Puppe. Man behandelte sie nicht wie eine Täterin, aber auch nicht wie jemanden, dessen Wahrnehmung verlässlich war.
Sie kam nicht in Haft. Doch man empfahl ihr dringend psychiatrische Betreuung.
Als sie am Abend, nach Vernehmung und endlosen Fragen, mit zitternden Beinen in ihre eigene Wohnung zurückkehrte, stand Liselotte wieder auf dem Stuhl im Wohnzimmer.
Clara hätte ausziehen können. Theoretisch.
Praktisch blieb sie.
Nicht aus Mut. Aus Erschöpfung. Aus Schock. Vielleicht auch, weil ein Teil von ihr bereits begriffen hatte, dass Distanz nichts bedeutete. Die Puppe war zu Miriam gekommen. Sie würde überallhin kommen.
Clara versuchte alles.
Sie sperrte Liselotte in einen Koffer. Die Puppe saß am nächsten Morgen auf dem Kissen neben ihr.
Sie warf sie in den Müllcontainer hinter dem Haus. In derselben Nacht stand sie im Bad vor dem Spiegel.
Sie wickelte sie in Ketten und versenkte sie im Fluss. Zwei Tage später tropfte Wasser von ihren Porzellanhänden auf Claras Parkett.
Schließlich fuhr Clara zurück zum Messeplatz. Es war tagsüber, leer, windig. Kein Stand, keine Lampen, keine Menschen. Nur Asphalt und Papierfetzen.
Der Verkäufer war nirgends.
Sie fragte Wochen später auf Ämtern, bei Händlern, in Antiquitätengruppen. Niemand kannte ihn. Niemand konnte sagen, wer in jener Nacht den Stand mit dem Spielzeug gehabt hatte. Ein alter Trödler meinte nur: „Manche Sachen kaufen keinen Besitzer. Sie holen einen.“
Clara hörte auf zu arbeiten. Hörte auf, Freunde zu treffen. Hörte auf, irgendetwas in der Wohnung laut zu machen, weil sie Liselottes Klickgeräusche dann schlechter hören konnte.
Mit der Zeit verstand sie das Muster.
Die Puppe bewegte sich nicht willkürlich.
Sie rückte näher.
Jede Nacht ein wenig.
Erst vom Stuhl zum Sofa. Dann vom Sofa in den Flur. Dann vor die Schlafzimmertür. Dann ins Schlafzimmer. Dann an das Bettende.
Nie, wenn Clara hinsah.
Nur dazwischen.
Nur in den Momenten, in denen man blinzelte, auf die Uhr sah, einen Schluck Wasser nahm, das Licht ausschaltete oder vor Erschöpfung für Sekunden wegdämmerte.
Clara begann, das Licht brennen zu lassen. Dann mehrere Lichter. Dann alle. Die Stromrechnung verdoppelte sich. Es half nicht.
Liselotte kam näher.
Eines Nachts saß sie auf Claras Brust.
Clara wachte auf, weil sie keine Luft bekam. Nicht ganz. Mehr, weil etwas Schweres und Kaltes auf ihr hockte. Als sie die Augen öffnete, war Liselottes Gesicht direkt über ihrem. Zu nah. Zu groß. Die Augen reflektierten das Licht der Nachttischlampe als winzige, weiße Punkte. Die Lippen der Puppe standen einen Spalt offen.
Dahinter waren Zähne.
Keine Puppenzähne.
Kleine, echte, menschliche Zähne in mehreren Reihen, zu dicht, zu unregelmäßig, als hätte jemand einen Mund gebaut, ohne zu wissen, wie ein Mund innen aussehen muss.
Clara schrie und stieß die Puppe mit beiden Armen von sich. Sie fiel nicht wie ein harter Gegenstand. Eher wie etwas Lebendiges, das sich im Flug fing und lautlos auf den Füßen landete.
Dann stand sie im Schlafzimmer.
Und lächelte.
Nicht viel. Nur ein Zug um die Lippen. Ein winziges Anheben, das das ganze Porzellangesicht zu etwas Falschem machte.
Clara rannte aus der Wohnung, diesmal endgültig. Sie nahm nur ihr Handy und ihren Wohnungsschlüssel mit.
Drei Tage lang schlief sie in Hotels, dann bei Kollegen, dann wieder in Hotels. Überall roch sie nachts den süßen Modergeruch. Überall hörte sie manchmal das Klick kleiner Gelenke auf Parkett oder Fliesen. Einmal sah sie im Spiegel eines Hotelflurs ganz am Ende eine kleine, dunkle Gestalt stehen.
Niemand sonst sah sie.
Am vierten Tag gab Clara auf.
Nicht im dramatischen Sinn. Nicht mit Tabletten oder Abschiedsbrief. Eher innerlich. Der Punkt war erreicht, an dem Müdigkeit größer wird als Furcht. Sie kehrte in ihre Wohnung zurück, duschte, zog frische Kleidung an, machte sich Tee und setzte sich im Wohnzimmer auf das Sofa.
Liselotte saß ihr gegenüber.
Zum ersten Mal vermied Clara den Blick nicht.
„Was willst du?“, fragte sie.
Die Puppe antwortete nicht.
„Warum ich?“
Still.
„Hast du das mit den anderen auch gemacht?“
Liselotte saß reglos da. Doch Clara sah jetzt, dass die graublauen Augen nicht gemalt still wirkten. Dahinter lag Absicht. Geduld. Etwas Kindliches und Grausames, wie es nur in Wesen vorkommt, die nie gelernt haben, dass andere wirklich existieren.
Clara begann zu weinen. Leise. Erschöpft.
„Bitte“, flüsterte sie irgendwann. „Mach es einfach zu Ende.“
Da bewegte Liselotte sich.
Nicht ruckartig. Nicht wie in Filmen.
Langsam.
So langsam, dass Clara erst glaubte, es sich einzubilden. Der Kopf hob sich einen Hauch. Die rechte Hand glitt vom Schoß. Die Finger öffneten sich mit trockenem Klicken. Dann stand die Puppe auf.
Clara blieb sitzen.
Vielleicht hätte sie noch weglaufen können. Vielleicht auch nicht. In diesem Moment war es gleich.
Liselotte machte einen Schritt.
Dann noch einen.
Das Kleid strich über den Boden.
Als sie vor Clara stand, hob sie die Arme.
Clara sah unter den Spitzenärmeln der Puppe dunkle Fäden, die keine Fäden waren. Dünne, trockene Sehnen. Etwas Perliges, Weißes unter dem Gelenk. Knochen.
Die kleinen Porzellanhände legten sich an Claras Gesicht.
Eiskalt.
„Bitte“, flüsterte Clara noch einmal.
Liselotte öffnete den Mund.
Er ging viel weiter auf, als ein Puppenmund aufgehen dürfte. Das Porzellangesicht sprang an den Mundwinkeln fein auf, aber nicht weit genug, um zu brechen. Dahinter entfaltete sich kein sauberer Rachen, sondern etwas, das aus Haaren, Zähnen und nassen, schwarzen Tiefen bestand. Es roch nach Graberde, Puder, Schimmel und altem Fleisch.
Dann beugte sich die Puppe vor und biss Clara zuerst in die Lippen.
Nicht tief. Eher prüfend.
Der Schmerz war so unerwartet, dass Clara aufschrie.
Im nächsten Moment bohrten sich die kleinen Hände in ihre Wangen. Die Porzellanfinger brachen durch Haut, als wäre sie nasses Papier. Liselotte zog Claras Kopf nach vorn und biss ihr das Gesicht auf.
Das rechte Auge platzte zuerst.
Clara schrie, schlug um sich, versuchte, die Puppe loszureißen, aber das Ding war plötzlich schwer wie ein erwachsener Körper. Es hockte auf ihr, drückte sie rückwärts aufs Sofa und fraß. Kleine, präzise Bisse. Wange. Mund. Lid. Nase. Jeder Ruck ihres Kopfes riss Gewebe mit einem nassen Geräusch los.
Als Clara mit den Händen nach Liselottes Kleid griff, spürte sie darunter keine weiche Füllung, sondern viele kleine, harte Formen. Kinderfinger. Wirbel. Zähne. Das Kleid war über einen Körper genäht, der aus gesammelten Resten bestand.
Das Letzte, was Clara mit dem verbliebenen Auge sah, war, dass Liselottes Glasaugen nun nicht mehr grau waren.
Sondern braun.
Ihre eigenen.
Zwei Wochen später stand auf dem Nachtflohmarkt wieder ein Spielzeugstand.
Zwischen Zinnsoldaten, einem Holzpferd und einem Bären mit nur einem Auge saß eine Puppe in dunkelblauem Kleid. Ihr Gesicht war schön, auf eine strenge, erwachsene Weise. Das linke Auge war braun, das rechte ebenfalls. Das Haar war dunkelblond. Die Lippen waren etwas voller als bei Liselotte. Fast menschlich.
Eine junge Frau blieb stehen.
„Wow“, sagte sie. „Die ist unheimlich.“
Der dünne Verkäufer legte die Hände auf die Tischkante.
„Und doch“, sagte er ruhig, „sind Sie stehen geblieben.“
