
Im Fichtenbruch
Nina hatte von Anfang an keine Lust auf die Sache gehabt.
„Nur zwanzig Minuten“, hatte Marla gesagt, als sie das Auto am Rand des Forstwegs abstellte. „Wir gehen zum alten Hochsitz, trinken da oben ein Bier, machen ein paar Fotos und fahren wieder.“
„Nachts. Im November. In einem Wald, den wir nicht kennen.“
Marla grinste nur, zog die Mütze tiefer in die Stirn und schlug die Autotür zu. „Genau deshalb.“
Der Wald begann unmittelbar hinter dem matschigen Weg. Fichten. Dicht an dicht. Schwarze Stämme, nasser Boden, der Geruch von Harz, Pilzen und kalter Erde. Weiter hinten lag Nebel zwischen den Bäumen, flach und grau wie Rauch, der sich nicht entscheiden konnte, ob er steigen oder sinken wollte.
Nina blieb noch einen Moment am Auto stehen und sah zurück zur Straße. Man hörte sie kaum. Nur ab und zu das ferne Rauschen eines Wagens, gedämpft durch die Bäume.
„Wieso genau hier?“, fragte sie.
Marla hob ihr Handy. „Weil Kim gesagt hat, dass der Hochsitz verlassen ist und weil diese Stelle tagsüber schon unheimlich aussieht. Stell dir mal die Bilder vor.“
„Ich will keine Bilder. Ich will in dreißig Minuten in meinem Bett liegen.“
„Dann beeil dich.“
Sie gingen los.
Der Weg war schmal, halb verschluckt von Nadeln und abgestorbenem Farn. Links und rechts drängte der Wald so dicht heran, dass ihre Taschenlampen nur ein paar Meter weit kamen, bevor das Licht an Stämmen, Dornengestrüpp und feuchten Ästen hängen blieb. Marla lief vorne. Sie war zweiundzwanzig, schlank, ungeduldig, mit dieser trotzigen Energie, die jeden Ort erst interessant fand, wenn er verboten, verlassen oder dumm war. Nina war ein Jahr älter und hatte sich schon tausendmal geschworen, nicht mehr überall mitzukommen, nur weil sie Marl a nicht allein lassen wollte.
„Kim hat gesagt, man hört hier manchmal Wölfe“, sagte Marla.
„Super.“
„Oder Wildschweine.“
„Noch besser.“
„Oder…“ Marla drehte sich mit einem Grinsen halb zu ihr um. „Irgendwas anderes.“
Nina verdrehte die Augen. „Wenn du jetzt Werwolf sagst, dreh ich um.“
Marla lachte leise, und das Geräusch wirkte seltsam klein zwischen den Stämmen.
Sie gingen weiter, und schon nach wenigen Minuten änderte sich der Wald. Nicht sichtbar. Eher im Gefühl. Das Licht der Lampen kam ihnen dunkler vor, als müsste es sich durch etwas Dickeres schneiden. Der Boden wurde weicher. Zweimal blieb Nina fast mit dem Schuh in einer unsichtbaren Mulde stecken. Einmal hörten sie links im Unterholz ein Rascheln, schwer und kurz, als wäre etwas Größeres einen Schritt zurückgewichen.
„Reh“, sagte Marla.
„Klar.“
„Oder Hirsch.“
„Oder wir fahren jetzt sofort wieder.“
Marla blieb stehen und hob die Lampe. Vor ihnen ragte der Hochsitz zwischen den Fichten auf, schief und halb verfallen, eine schwarze Holzkiste auf vier dünnen Beinen. Die Leiter war noch da, aber zwei Sprossen fehlten. Eine Seite der Kanzel hing leicht nach vorn, als hätte der Wald schon angefangen, sie zu fressen.
„Siehst du?“ Marla grinste breit. „War doch nicht weit.“
Nina sah an dem Ding hoch. „Da geh ich nicht rauf.“
„Feigling.“
„Das Teil bricht zusammen, wenn du schief atmest.“
„Dann bleib unten und leuchte dramatisch.“
Marla steckte die Bierdose in die Jackentasche und begann zu klettern. Das Holz knarrte so laut, dass Nina unwillkürlich nähertrat, als könne sie den Hochsitz auffangen, falls er nachgab.
„Langsam“, sagte sie.
„Mama, bitte.“
Marla zog sich hoch, verschwand in der dunklen Kanzel und leuchtete von oben mit dem Handy hinunter. „Komm schon! Die Aussicht ist krank.“
„Nein.“
„Dann gib mir wenigstens dein Bier.“
Nina reichte ihr die Dose hoch. Während Marla oben hantierte, hörte Nina zum ersten Mal das Heulen.
Es kam nicht von weit weg. Nicht wirklich. Auch nicht nah. Es war eines dieser Geräusche, bei denen man sofort weiß, dass Entfernungen im Wald lügen. Ein tiefer, langgezogener Laut, der irgendwo zwischen Tier und etwas anderem lag. Kein Hund. Dafür zu voll. Kein normaler Wolf, soweit Nina wusste. Es klang nicht wie Ruf. Eher wie Erinnerung an Schmerz.
Marla verstummte sofort.
Der Laut hing noch eine Sekunde zwischen den Bäumen und starb dann aus.
„Hast du das gehört?“, fragte Nina.
Von oben kam keine Antwort.
„Marla?“
Dann ein leises, verändertes: „Ja.“
Nina hob die Lampe. „Was ist?“
Marla erschien in der Öffnung des Hochsitzes. Ihr Gesicht war bleich im Schein des Handys. Das Grinsen war weg.
„Da oben ist Blut.“
Nina sagte zuerst nichts.
„Was?“
„Hier drin. An der Wand. Alt, glaub ich.“ Marla schluckte. „Und Haare.“
„Komm runter.“
Marla zögerte. „Warte.“
„Marla, jetzt.“
Sie begann abzusteigen, viel langsamer als vorher. Als sie die letzte Sprosse erreichte, sprang sie herunter und trat sofort vom Hochsitz weg, als würde sie befürchten, dass etwas darin nach ihr greifen könnte.
„Zeig.“ Nina hielt die Lampe höher.
An Marlas linker Hand klebte tatsächlich etwas Dunkles. Nicht viel. Schmierig. Im kalten Licht fast schwarz.
„Vielleicht von einem Wildtier“, sagte Marla, aber ihre Stimme war flach geworden.
„Wir gehen.“
Diesmal widersprach sie nicht.
Sie drehten sich um und liefen den Weg zurück. Oder zumindest glaubten sie das. Nach wenigen Minuten bemerkte Nina, dass sie eine Stelle nicht wiedererkannte: ein umgestürzter Stamm quer über dem Pfad, von gelbem Pilz überwachsen. Den hatten sie auf dem Hinweg nicht gesehen.
„Warte“, sagte sie.
Marla blieb stehen. „Was?“
„Ich glaube, wir sind falsch.“
„Nein.“
„Doch.“
Sie leuchteten umher. Der Wald sah in alle Richtungen gleich aus. Schwarze Stämme. Nasses Gestrüpp. Nebel. Kein Wegweiser, keine Fahrspuren, nichts. Hinter ihnen heulte es erneut.
Diesmal näher.
Marla fluchte leise. „Okay. Handy.“
Kein Netz.
Nina prüfte ihres. Nichts.
„Lauf einfach geradeaus“, sagte Marla.
„Geradeaus wohin?“
„Richtung Straße.“
„Und wo ist die?“
„Keine Ahnung, verdammt!“
Sie gingen schneller. Dann noch schneller. Äste peitschten gegen ihre Jacken. Dornen griffen nach den Hosenbeinen. Zweimal rutschte Nina im Schlamm aus. Marla fluchte ununterbrochen vor sich hin, als könne sie die Angst damit in Wut verwandeln.
Dann hörten sie Schritte.
Nicht ihre eigenen.
Schwer. Langsam. Parallel zu ihnen, irgendwo rechts zwischen den Fichten.
Beide blieben gleichzeitig stehen.
Auch das andere Geräusch verstummte.
Nina hörte nur noch ihr eigenes Atmen.
„Wer ist da?“, rief Marla ins Dunkel.
Nichts.
„Hallo?“
Ein Ast knackte.
Nicht direkt vor ihnen. Eher weiter hinten. Kreisend.
Nina packte Marlas Ärmel. „Nicht rufen.“
„Vielleicht ist da ein Jäger oder so.“
„Oder irgendwas, das hören kann, wo wir sind.“
„Zu spät.“
Da kam eine Stimme aus dem Wald.
„Marla?“
Ganz leise. Weiblich. Dünn.
Beide erstarrten.
Nina sah Marla an. „Warst du das?“
„Nein.“
Wieder die Stimme. Diesmal ein bisschen klarer.
„Marla… hier…“
Ninas Kopfhaut zog sich zusammen. Sie kannte die Stimme nicht. Oder doch. Etwas daran war vertraut, aber falsch. Als hätte jemand versucht, einen Menschen nachzumachen, dem einmal jemand am Telefon gelauscht hatte.
„Nein“, flüsterte Nina. „Nein, nein.“
Marla hob die Lampe in die Richtung, aus der es gekommen war. Zwischen den Stämmen war nur Nebel. Dann bewegte sich dort etwas.
Zu niedrig für einen Menschen. Zu groß für einen Hund.
Es duckte sich hinter einen Stamm, noch bevor der Lichtkegel ganz dort war.
„Lauf“, sagte Nina.
Sie rannten.
Jetzt war kein Weg mehr da. Nur Wald. Zweige schlugen ihnen ins Gesicht. Der Boden fiel plötzlich ab, und beide rutschten einen Hang aus schwarzem Matsch hinunter, prallten gegen Wurzeln und kamen unten zwischen Farn und nassem Laub zum Liegen.
Nina keuchte, schmeckte Erde im Mund und Blut an der Lippe. Ihre Lampe war fort. Neben ihr stöhnte Marla.
„Alles okay?“
„Nein“, presste Marla hervor. „Knöchel. Scheiße. Scheiße.“
Nina tastete nach ihr. Marla saß halb aufgerichtet, das rechte Bein seltsam abgewinkelt.
„Kannst du stehen?“
„Ich weiß nicht.“
Über ihnen knackte etwas Schweres am Hang.
Beide schwiegen sofort.
Langsam, sehr langsam, hob Nina den Kopf.
Oben zwischen den Bäumen stand eine Gestalt.
Erst wirkte sie wie ein Hirsch, weil sie so hoch war. Dann wie ein Mann, weil sie aufrecht stand. Dann wieder wie keins von beidem. Der Oberkörper war breit und nach vorn geneigt, die Arme zu lang, die Schultern unnatürlich hoch. Der Kopf saß leicht schräg auf dem Hals, mit einer Schnauze, die zu lang für ein menschliches Gesicht und zu kurz für einen Wolf war. Das Fell war dunkel und nass, an manchen Stellen verklebt. Im Licht von Marlas Handytaschenlampe glänzte etwas Feuchtes an Brust und Maul.
Blut.
Frisches Blut.
Die Augen reflektierten nicht gelb oder grün wie bei Tieren. Sie waren blass. Fast menschlich. Und gerade das machte alles schlimmer.
Marla begann zu wimmern.
Das Wesen legte den Kopf schief.
Dann sprach es.
„Alles okay?“
Es war Ninas Stimme.
Nicht ähnlich. Nicht ungefähr. Genau ihre Stimme. Nur rauer. Tiefer im Hals. Als hätte etwas mit Zähnen gesprochen, die dafür nicht gemacht waren.
Marla stieß einen erstickten Laut aus.
Nina bekam vor Schreck keine Luft. Ihr ganzer Körper wollte rennen, aber ihre Beine gehorchten nicht sofort.
Das Ding machte einen Satz den Hang hinunter.
Es war so schnell, dass der Blick es kaum halten konnte. Ein einziges explosives Zusammenziehen von Muskeln, dann war es unten. Nina schrie. Marla brachte nur ein heiseres „Nein!“ heraus, bevor die Kreatur sie erreichte.
Die Pranke traf Marla an Schulter und Brust und schleuderte sie seitlich gegen einen Baumstamm. Etwas knackte laut. Marla sackte zusammen, halb sitzend, halb liegend, der Kopf unnatürlich zur Seite.
Das Wesen war sofort über ihr.
Nina sah alles.
Wie sich die Klauen in Marlas Bauch schlugen, mit einer Präzision, die fast klinisch wirkte. Wie der Stoff der Jacke aufriss. Wie der Pullover darunter sich dunkel füllte. Wie Marla die Hände auf den Leib presste und zwischen den Fingern sofort Blut hervordrängte, dick und schwarzrot im Nachtlicht.
Marla schrie jetzt. Hoch, schrill, nicht wie ein Film, nicht wie irgendetwas, das man hören und je wieder vergessen kann. Ein Laut, der direkt aus dem Körper kam, als würde ihr Inneres selbst Angst haben.
„Nina!“
Die Kreatur riss den Kopf hoch.
Im nächsten Moment sprang Nina auf und rannte blind in den Wald.
Hinter ihr hörte sie Marla noch einmal schreien. Dann ein feuchtes Reißen. Dann nur noch etwas Schweres, das fraß.
Nina stolperte durch Unterholz, schlug mit den Armen Äste weg, rutschte, fing sich, rannte weiter. Ihr Atem ging stoßweise, zu laut. Sie weinte, ohne es zu merken. Überall roch es plötzlich nach Blut. Nicht nur von ihrer aufgeplatzten Lippe. Es lag in der Luft. Warm. Süßlich. Zu nah.
Sie wagte nicht zurückzusehen.
Zwischen den Bäumen tauchte plötzlich ein niedriger Bretterverschlag auf. Eine verfallene Forsthütte oder Materialhütte, halb in Brombeeren versunken. Die Tür hing schief, aber noch in den Angeln.
Nina stürzte hinein und zog sie hinter sich zu.
Drinnen war es fast vollkommen dunkel. Es roch nach Moder, altem Holz, Mäusekot und kalter Feuchtigkeit. Irgendwo tropfte Wasser. Nina presste beide Hände auf den Mund und versuchte, leise zu atmen.
Draußen war zunächst nichts zu hören.
Dann ein langsames Schleifen.
Etwas zog sich um die Hütte herum.
Nina biss sich in den Handballen, um nicht zu schreien.
Kratz.
Eine Klaue glitt außen über das Holz.
Kratz.
Dann Stille.
Sekunden vergingen. Oder Minuten. Nina wusste es nicht. Ihre Oberschenkel zitterten so stark, dass sie sich an einer Wand abstützen musste. Sie dachte an Marla. An den schiefen Kopf. An die Hände auf dem Bauch. An das Geräusch, mit dem etwas aufgerissen war, das niemals geöffnet werden darf.
Dann hörte sie Marla.
„Nina?“
Direkt vor der Tür.
Nina erstarrte.
„Nina, mach auf…“
Die Stimme war schwach. Zitternd. Weinend.
„Bitte…“
Ninas Augen füllten sich sofort mit Tränen. Sie machte einen Schritt zur Tür. Blieb stehen.
Draußen kam ein nasses Husten.
„Es hat mich erwischt… bitte…“
Nina presste die Fäuste gegen ihre Schläfen. Das war Marla. Es klang exakt wie Marla. Schmerzen, Atemnot, Panik. Alles.
Dann hörte sie unter der Stimme ein anderes Geräusch.
Atmen.
Tief. Ruhig. Viel zu tief.
Etwas Großes stand direkt vor der Tür und sprach mit Marl as Mund.
„Nina…“
Diesmal war ein Schmatzen dabei.
Als würden Lippen und Zähne nicht richtig zusammenpassen.
Nina wich zurück.
Die Klinke bewegte sich.
Einmal.
Zweimal.
Dann schlug etwas von außen gegen die Tür.
Das Holz ächzte. Staub rieselte von der Decke. Nina stolperte rückwärts in die Dunkelheit und tastete mit den Händen um sich, suchte irgendetwas, eine Stange, ein Werkzeug, einen Stein.
Ihre Finger trafen Metall. Eine alte Astschere, rostig, aber schwer. Sie umklammerte sie.
Der zweite Schlag ließ die Tür auf einer Seite aufspringen. Ein Splint riss aus dem Rahmen. Durch den Spalt drang kalte Nachtluft.
Im Spalt erschien zuerst nur Fell.
Dann ein Auge.
Blass. Nass. Menschlich.
Nina stieß einen Laut aus und schlug mit der Astschere gegen die Tür. Das Metall traf die Schnauze des Wesens mit einem dumpfen, feuchten Geräusch.
Es brüllte.
Nicht heulend. Nicht tierisch. Es war ein tiefer, rasender Laut voller Schmerz und Wut, in dem ganz kurz etwas wie Sprache zerbrach.
Die Kreatur trat zurück.
Nina nutzte den Moment, warf die Tür auf und rannte los.
Sie kam kaum zehn Meter weit.
Etwas traf sie von hinten, hart wie ein Motorrad. Sie flog nach vorn, schlug mit dem Gesicht in den Boden und spürte sofort, wie zwei Zähne locker wurden. Bevor sie sich aufrappeln konnte, packte etwas ihr linkes Bein.
Klauen gruben sich durch Jeans, Haut, Muskel.
Nina schrie so laut, dass es im Wald zurückgeworfen wurde.
Das Wesen zog sie rückwärts durch Nadeln und Matsch. Wurzeln schlugen gegen ihren Rücken. Ihre Hände krallten sich in Erde, Gras, abgestorbenes Laub. Fingernägel brachen. Nichts hielt.
Sie drehte sich halb auf den Rücken und sah es.
Das Maul war jetzt klar zu erkennen. Länger als menschlich, voller unregelmäßiger, gelber Zähne, zwischen denen Fäden von Speichel und Blut hingen. Die linke Seite der Schnauze war von der Astschere aufgerissen, und im Fell darunter steckte dunkelroter Schaum. Auf der Brust klebten Stücke von Marl as Jacke. Etwas Weißliches hing zwischen den Krallen der rechten Hand.
Nina brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es Knochen war.
„Bitte“, schluchzte sie.
Das Wesen zog sie weiter.
Dann ließ es abrupt los.
Nina wollte robben, aber eine Klaue drückte sie zwischen die Schulterblätter und nagelte sie in den Boden. Mit der anderen Hand drehte das Ding sie grob auf den Rücken.
Sie sah hoch in sein Gesicht.
Und jetzt war da noch mehr vom Menschen darin.
Nicht vollständig. Nicht vernünftig. Aber genug, um den Horror präzise zu machen. In der Stirn, unter dem Fell, zeichneten sich Strukturen ab, die einmal zu einem Mann gehört haben mussten. Um die Augen herum war die Haut dünner, fast nackt, grau und gespannt. In einem Moment der Bewegung erkannte Nina am Hals sogar etwas, das wie eine alte Narbe aussah. Eine waagerechte, halb verheilte Linie zwischen Fell und Fleisch.
Der Werwolf beugte sich über sie und schnupperte.
Dann sprach er mit Marl as Stimme, leise, beinahe zärtlich:
„Bitte…“
Und riss ihr die Kehle auf.
Es war kein sauberer Biss. Keine elegante Bewegung. Eher ein brutales Aufbrechen. Die Zähne bohrten sich links unter den Kiefer, und dann zog das Tier den Kopf zur Seite. Haut, Muskel, Gefäße – alles gab nach in einem einzigen, glitschigen Moment, begleitet von einem Geräusch wie nasses Tuch, das man zerreißt.
Nina fühlte den Schmerz nicht als etwas Getrenntes. Er war überall auf einmal. Heiß und blendend. Ihr Schrei kam nur noch als Gurgeln.
Blut schoss ihr über Hals und Jacke. Warm. Schockierend warm.
Der Werwolf wich einen halben Schritt zurück und sah zu, wie sie starb.
Nina lag im schwarzen Laub, beide Hände an der geöffneten Kehle, als könnte sie den Schaden zudrücken. Zwischen ihren Fingern pumpte Blut hervor. Sie versuchte zu atmen und bekam nur Sprudeln. Jeder Versuch saugte mehr Flüssigkeit in den Hals.
Über ihr schwankten die Fichten.
Die Welt begann an den Rändern grau zu werden.
Da hörte sie, weiter links im Wald, ein leises, nasses Wimmern.
Marla.
Noch am Leben.
Nina wollte den Kopf drehen, konnte aber nur die Augen bewegen. Zwischen zwei Stämmen sah sie einen hellen Fleck. Marl as Gesicht. Auf der Seite im Laub. Die Augen offen. Der Mund bewegte sich. Eine Hand hob sich kurz, glitt über ihren aufgerissenen Bauch und blieb dann in den heraustretenden Darmschlingen hängen, als wüsste der Körper nicht mehr, was innen und außen war.
Der Werwolf hörte es auch.
Er wandte den Kopf.
Nina sah, wie sich sein Brustkorb hob. Wie er den Geruch aufnahm. Wie seine Lefzen zitterten.
Dann ließ er sie liegen und ging zu Marla zurück.
Er ging nicht schnell. Er musste nicht.
Nina starb, während sie hörte, wie Marla begriff, dass er wiederkam.
Das letzte, was sie wahrnahm, war ihr Name.
Nicht aus einem Menschenmund.
Aus einem Maul voller Blut.
Und dann war da nur noch Wald.
Am Morgen fand man zuerst das Auto.
Eine Streife hatte es gemeldet, weil es seit Stunden am Forstweg stand. Fahrertür zu, Schlüssel weg, Innenraum leer. Auf dem Rücksitz lagen eine Jacke, zwei Pfanddosen und ein Lippenstift.
Die Suche begann gegen acht.
Man fand die erste Spur fast sofort: einen einzelnen Schuh im Schlamm. Wenige Meter weiter Blut an Farnen. Dann Haare an einer abgerissenen Fichtenzweige. Tiefer im Wald den verfallenen Hochsitz, innen an der Wand altes Wildblut und frische Handabdrücke.
Den Rest fand man gestückelt.
Ein Stück Jeansstoff an Brombeeren. Eine Astschere mit Fellresten. Schleifspuren. Große Abdrücke, die man zuerst einem sehr großen Hund zuschrieb, bis klar wurde, dass die Schrittfolge dazu nicht passte.
Marla fand man zuletzt.
Oder das, was von ihr übrig war.
Sie lag in einer flachen Mulde zwischen Wurzeln, auf dem Rücken, den Bauch offen bis zum Brustbein. Ein Teil des Darms fehlte. Beide Unterarme waren bis auf den Knochen abgenagt, als hätte sie sie instinktiv vors Gesicht gehoben. Das Gesicht war erstaunlich intakt geblieben. Die Augen offen. Der Mund ebenfalls, als würde sie noch immer schreien.
Nina fand man zwanzig Meter entfernt.
Die Kehle war fast vollständig herausgerissen. Im Gesicht steckten Nadeln und Erde. Ihre rechte Hand war so fest um eine Wurzel verkrampft, dass man die Finger einzeln lösen musste. Von ihrem linken Bein fehlte unterhalb des Knies fast das gesamte Wadenfleisch.
In den offiziellen Berichten stand später etwas von einem außergewöhnlich aggressiven Raubtierangriff, vermutlich in Verbindung mit Panik, Flucht und Exsanguination.
Im Dorf sagte niemand Raubtier.
Dort sagte man nur, dass man bei Vollmond den Fichtenbruch meidet.
Und wenn der Wind nachts aus der richtigen Richtung kommt, hört man manchmal zwei junge Frauen zwischen den Bäumen rufen.
Die eine klingt, als würde sie weinen.
Die andere bittet um Hilfe.
Wer stehen bleibt und antwortet, verschwindet.
